Hey Joe, lass es bitte: Gegendemonstranten bei einem Auftritt am Wochenende in Wisconsin. © Jim Vondruska/afp
Washington – Gut vier Jahre ist es her, da sagte Joe Biden diesen Satz: „Ich sehe mich als eine Brücke, als nichts anderes.“ Es gebe eine ganze Generation von Führungspersönlichkeiten, die nach ihm käme. „Sie sind die Zukunft dieses Landes.“ Damals war Biden noch Wahlkämpfer, schließlich zog er als ältester Präsident in der US-Geschichte ins Weiße Haus ein. Heute liegt der Fokus des 81-Jährigen offenbar nicht mehr ganz so stark auf der neuen Generation als Zukunft des Landes – sondern vor allem auf sich selbst.
Dass sein Alter ihm zum Verhängnis werden könnte, war nie ein Geheimnis. Peinliche Verwechslungen, Stolperer und Fahrigkeit bei Auftritten gehören schon lange zum Alltag des US-Präsidenten. Lange bemühten sich Bidens Partei, seine Verbündeten und allen voran sein Mitarbeiterstab, seine altersbedingten Schwächen zu kaschieren und seine Errungenschaften anzupreisen. Vor allem betonten sie Bidens reichen Erfahrungsschatz.
Bidens desaströser Auftritt bei dem TV-Duell gegen Trump aber gleicht einer Zäsur: Denn plötzlich wurde für jeden sichtbar, wie es um den Mann steht, der sich überzeugt zeigt, die USA weitere vier Jahre anführen zu können.
In dieser Woche findet in Washington der Nato-Gipfel statt – eigentlich eine Chance für Biden, sich als Anführer des Westens zu inszenieren. Dass der große Jubiläumsgipfel in die heiße Phase des US-Wahlkampfs fällt, ist wohl gut geplant. Doch scheinen das Nato-Treffen und die geplante Abschlusspressekonferenz nun eher zur Bewährungsprobe zu werden. Jede Regung des Demokraten wird aufmerksam verfolgt. Ein geschmeidiger Auftritt an der Seite ausländischer Staats- und Regierungschefs hingegen könnte Bidens Position stärken.
Über allem schwebt die Frage, ob Biden in der Lage ist, seinen Job weitere vier Jahre zu machen. Die Demokraten brauchen eine Antwort – schnell. Schon in vier Monaten wird gewählt. Biden betonte am Wochenende in einem Interview: Von einer unabhängigen Untersuchung durch einen Neurologen, zu der Mediziner raten, will er nichts wissen. Die Bewältigung der Tagesaufgaben im Weißen Haus zeige doch, wie geistig fit er sei, so der Präsident. Biden erwähnte allerdings nicht, dass das ihn abschottende Beraterteam mittlerweile die Kernarbeitszeit drastisch beschränkt hat und keine wichtigen Termine mehr nach 16 Uhr zulässt. Dennoch hält sich Biden weiter für „die am meisten qualifizierte Person, um Trump zu besiegen“.
Auch zählt zur Offensive Bidens eine maximale Schadensbegrenzung im Umgang mit den ungeliebten Medien. Zwei Radiomoderatoren berichteten jetzt: Ihnen seien Interviews mit Biden vom Weißen Haus angeboten worden – unter der Bedingung, dass die Moderatoren Fragen stellen würden, die zuvor das Biden-Team vorformuliert hatte. Beide Moderatoren ließen sich auf diese ansonsten im Journalismus aberwitzige Praxis ein, weil sie noch niemals Biden interviewt hatten. Doch auch solche PR-Maßnahmen stellen besorgte Parteimitglieder nicht ruhig. Der Demokraten-Stratege David Axelrod, der als „Architekt“ des Wahlerfolges von Barack Obama gilt, formulierte am Samstag, Biden sei „in gefährlicher Art und Weise“ distanziert von Wählern, denen seine Gesundheit und mentale Fitness wichtig seien.
US-Medien berichteten jetzt, dass Besucher-Aufzeichnungen des Weißen Hauses ergeben hätten, dass sich am 17. Januar ein Top-Neurologe mit den Leibärzten Bidens getroffen hatte. Bei dem Mediziner habe es sich um einen Parkinson-Experten gehandelt. Das Weiße Haus hatte bisher dazu keine Erklärungen abgegeben.
JULIA NAUE, FR. DIEDERICHS