Industrie zweifelt an Kraftwerk-Strategie

von Redaktion

Gaskraftwerke sollen künftig auch mit Wasserstoff betrieben werden können und einspringen, wenn zu wenig Erneuerbare Energien im Netz sind. Hier das Kraftwerk Duisburg-Huckingen, betrieben von RWE. © Jochen Tack/picture alliance

Berlin – Industriepräsident Siegfried Russwurm hat große Zweifel an der Strategie der Bundesregierung zum Bau neuer Gaskraftwerke. Russwurm sagte, er halte das Ziel der Bundesregierung von 12,5 Gigawatt bis 2030 für so gut wie nicht erreichbar. „Damit ist auch der vorgezogene Kohleausstieg 2030 in Gefahr.“ Die Bundesnetzagentur habe die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass immer genug Kapazität am Netz und damit die Stromversorgung jederzeit gesichert sei, sagte Russwurm. „Sie wird deshalb nicht umhinkommen, die Stilllegung von Kohlekraftwerken schlichtweg zu verbieten. Zu welchen Konditionen die Betreiber dann die Betriebsbereitschaft aufrechterhalten, steht auf einem anderen Blatt.“

Russwurm sieht höheren Bedarf

Neue Gaskraftwerke, die später mit Wasserstoff betrieben werden, sollen künftig zur Absicherung der Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien aus Wind und Sonne als „Back-ups“ bereitstehen – in Zeiten von „Dunkelflauten“, wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint. Die neuen Kraftwerke sollen laut Bundeswirtschaftsministerium einen Beitrag zur schnellen Dekarbonisierung des Kraftwerksparks leisten. Ausgeschrieben werden sollen insgesamt 12,5 Gigawatt an Kraftwerkskapazität. Geplant ist eine staatliche Förderung. Eine finale beihilferechtliche Genehmigung der EU steht noch aus.

Durch den Bau der neuen Kraftwerke soll laut Ampel auch ein früherer Kohleausstieg abgesichert werden. Für das Rheinische Revier ist dieser bereits um acht Jahre auf 2030 vorgezogen worden. Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne) rechnet zudem auch in Ostdeutschland mit einem vorgezogenen und marktgetriebenen Kohleausstieg.

„Das Thema Kraftwerkstrategie wird schon fast zum Running Gag“, sagte Russwurm, Präsident des Bundesverbands der Industrie (BDI). „Ich höre jetzt seit fast einem Jahr: ‚Wir werden demnächst eine Kraftwerkstrategie haben.‘ Der für diesen Sommer angekündigte Kabinettsbeschluss für den zugrunde liegenden und erforderlichen Kapazitätsmarkt liegt noch immer nicht vor.“

Der Bedarf an neuen, regelbaren Gaskraftwerkskapazitäten sei weit größer als das, was aktuell von der Regierung geplant werde, sagte Russwurm. Wenn alle politischen Rahmenbedingungen und vielleicht sogar die Finanzierung geklärt seien, komme die Frage hinzu: „Können wir die Gaskraftwerke überhaupt bauen? Ein richtig großes, wasserstofffähiges Kraftwerk gibt es bisher nirgendwo“, sagte Russwurm.

„In Diskussionen mit Herstellern, mit den Ingenieurinnen und Ingenieuren, die daran arbeiten, höre ich: Wir würden liebend gern eines bauen, allerdings dort, wo eine Wasserstoffpipeline ist, die auch die notwendigen Mengen an Wasserstoff liefert“, sagte der BDI-Präsident. Es müsse erst einmal ein Kraftwerk gebaut werden, um den Schritt vom „Komponentenprüfstand“ in die Praxis zu tun: „Das ist bis heute noch nicht passiert.“

Schneller Ausbau der Solarenergie

Der Ausbau der Solarenergie in Deutschland gewinnt unterdessen an Fahrt. Von Anfang Januar bis 18. Juli lag die neu installierte Photovoltaik-Leistung um ein Viertel höher als in der ersten Hälfte 2023, wie der Bundesverband Solarwirtschaft mitteilt. Grundlage ist eine Zwischenauswertung der Daten der Bundesnetzagentur.

Insgesamt belief sich die Bruttoleistung aller deutschen Solaranlagen demnach zum Stichtag 18. Juli auf 90,4 Gigawatt-Peak. In Summe produzierten die installierten Solaranlagen im Jahr 2023 rund 62 Terawattstunden Strom und deckten damit laut Solarverband rund zwölf Prozent des gesamten Bruttostromverbrauchs. Anders als in der Vergangenheit sind Haupttreiber derzeit weniger stark die privaten Hausbesitzer – dafür aber zunehmend Unternehmen sowie Landwirte, die Solaranlagen auf Firmendächern und auf Freiflächen errichten.

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