Kilometer für Kilometer, Dorf für Dorf hat die russische Armee zuletzt im Donbass die ukrainischen Verteidiger zurückgedrängt. Doch einmal mehr zeigt sich, dass die ukrainischen Militär-Strategen durch Cleverness die materielle russische Überlegenheit ausbremsen können: Mit dem Angriff auf russisches Territorium hat Kiew den russischen Aggressor kalt erwischt. Der Plan dabei ist sicher nicht, russisches Gebiet dauerhaft zu besetzen – dafür fehlt der Ukraine die personelle Stärke. Es ist wohl eher ein Ablenkungs-Angriff, der Russland zur Umgruppierung zwingen soll, was dann wiederum die in Bedrängnis geratene ukrainische Armee im Donbass entlasten soll.
Wolodymyr Selenskyj hat angekündigt, dass „die Folgen des russischen Krieges nach Hause kommen“ sollen. Denn im Alltag der meisten Russen existiert der grausame Krieg im Nachbarland nicht. Bisher waren es Drohnenangriffe auf Treibstofflager oder Munitionsdepots, mit denen die Ukraine auf russischem Boden zuschlug. Der Einmarsch ins Grenzgebiet ist da eine neue Dimension und hat somit auch eine psychologische Komponente, die die russische Propaganda in schwere Erklärungsnot stürzt. Die Angst, dass Kiew entgegen der Versprechen an den Westen russische Städte mit den neuen F16-Jets angreift, scheint trotz dieser Strategie unbegründet. Allein die Sorge, dass die für die Verteidigung so wichtigen Kampfflugzeuge bei Angriffen ins russische Kernland abgeschossen würden, hält Kiew von solchen Abenteuern ab. Es geht der Ukraine bei dieser Offensive nicht um Eroberung oder Vergeltung, sondern schlicht um eine taktische Form der Verteidigung. Klaus.Rimpel@ovb.net