KOMMENTAR

Eine Partei sortiert sich neu

von Redaktion

Grüne kommen nicht zur Ruhe

Man reibt sich die Augen: Die jungen Wähler wenden sich nach rechts. Und was macht die Spitze der Grünen Jugend? Sie drängt nach links. Ganz weit. Dorthin, wo der Kapitalismus abgelehnt wird. Das passt weder in den Zeitgeist noch zu einer Regierungspartei, die die Grünen schon waren, als dieser Vorstand des Nachwuchses ins Amt kam. Erst recht nicht passt es in die grüne Logik. Denn der Kampf gegen den Klimawandel kostet leider Geld. Energetische Sanierung, Elektroautos, nachhaltige Ernährung – wer auf den Mindestlohn angewiesen ist, tut sich da schwer.

Generell ist es ein Privileg der Jugend, radikalere Positionen zu vertreten. Doch in diesem Fall stellt sich die Frage, ob die jetzt mit großer Geste Ausgetretenen jemals in der richtigen Partei waren. Womöglich fusionieren sie nun mit dem, was von der Linkspartei nach Wagenknecht übrig geblieben ist. Das würde passen. Beide sind, um ausnahmsweise Renate Künast zu zitieren, „nicht realitätstauglich“. Es passt einfach nicht zusammen, für die 20-Stunden-Woche zu werben und gleichzeitig die soziale Schere anzuprangern. Ja, in Deutschland mag es manche Ungerechtigkeit geben – aber dass sich Leistung und Fleiß lohnen, gilt auch im Jahr 2024. Eine Partei, die den Wirtschaftsminister zu ihrem Spitzenkandidaten macht, muss das auch leben. Deshalb war bei vielen Grünen gestern eher Erleichterung zu hören.

Spannend ist der Mini-Aufstand, der offenbar nichts mit dem Rücktritt der Vorsitzenden Lang und Nouripour zu tun hat, dennoch. Er zeigt, wie sehr die Grünen mit sich ringen. Anders als den Liberalen gelang es ihnen lange, den Widerspruch zwischen reiner Lehre und pragmatischem Regierungshandeln zu übertünchen. Nur in Asylfragen knirschte es. Jetzt bricht manches auf. Offenbar hatte auch der Rücktritt der Vorsitzenden mit der Person Robert Habeck zu tun. Die Partei richtet sich nun nach ihm aus.

Das ist auch nötig. Denn selbst wenn Habeck für Konservative ein rotes Tuch sein mag: In den jüngeren, städtischen Milieus kann er 2025 in einem personalisierten Wahlkampf zwischen den älteren Herren Scholz und Merz durchaus eine Trumpfkarte sein. Das reicht nicht zur Kanzlerschaft. Aber womöglich zu einem besseren Ergebnis, als man sich heute vorstellen kann.


MIKE.SCHIER@OVB.NET

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