Ein Polit-Liebling aus dem Nichts

von Redaktion

Die komplizierten Verhältnisse in der SPD erklärt die Berliner taz mit einer besonderen Schlagzeile. © Screenshot

Als Boris Pistorius nicht jeder kannte: Vormittags führte er noch die Hubschrauberstaffel der niedersächsischen Polizei ein, wenig später ist er Verteidigungsminister. © Stratenschulte/dpa

München – Der entscheidende Anruf kommt am Montagmorgen gegen 11.30 Uhr. Der niedersächsische Minister für Inneres und Sport führt gerade die neue Leiterin der Hubschrauberstaffel der Polizei ein. Alltagsgeschäft für einen Landespolitiker. Als Boris Pistorius zurückruft, ist nur wenige Minuten später seine landespolitische Karriere beendet – vom Kanzler höchstpersönlich.

Olaf Scholz (SPD) bittet seinen niedersächsischen Parteikollegen das Amt des Bundesverteidigungsministers zu übernehmen. Der Posten ist gerade freigeworden, nachdem Christine Lambrecht (SPD) wegen mehrerer Fauxpas ihren Rücktritt erklärt hatte. Pistorius zögert nicht. „Ich kann doch in der Situation nicht sagen: ‚Olaf, tu mir mal einen Gefallen, ich brauch mal eine Woche Bedenkzeit‘“, sagt er später in einem „SZ“-Interview.

Der frischgebackene Verteidigungsminister hat weder Bedenk- noch Einarbeitungszeit. Er schläft wenig, liest viel. Drei Tage später wird Pistorius vereidigt, eine Stunde danach empfängt er den US-Amtskollegen Lloyd Austin. Am nächsten Tag reist er zum US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein. In nicht einmal einer Woche ist Pistorius vom Landespolitiker zum Bundesminister aufgestiegen.

Der Wechsel geht so rasant, dass dem SPD-Politiker nicht mal Zeit bleibt, in Berlin anzukommen. Ein Kaltstart, ohne Wohnung, ohne frische Wäsche, weswegen er auch nach Hause, nach Osnabrück muss.

Dort ist Pistorius fest verwurzelt – nicht nur wegen seiner Kinder und Enkelkinder. In Osnabrück ging er zur Schule und studierte Jura. Der heutige 64-Jährige wuchs sogar im selben Stadtteil (Schinkel) auf, wie einst Olaf Scholz (66). Während Scholz aber seine politische Karriere in Hamburg vorantrieb, blieb Pistorius seinem Geburtsort treu. Von 2006 bis 2013 war er Oberbürgermeister der 165 000-Einwohner-Stadt.

Jetzt wird Pistorius ausgerechnet dem Mann gefährlich, der ihn Anfang 2023 nach Berlin holte und ihn damit die Aufmerksamkeit der großen Öffentlichkeit ermöglichte. Die Rufe nach Pistorius als SPD-Kanzlerkandidaten reißen nicht ab. Es brodelt in der Basis. Einmal mehr spricht sich etwa der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter für ihn aus. Auch SPD-Urgesteine wie Sigmar Gabriel und Franz Müntefering stellen Scholz als natürlichen Kanzlerkandidaten infrage. Altkanzler Gerhard Schröder – mit dessen Ex-Frau Doris Schröder-Köpf Pistorius von 2016 bis 2022 liiert war – hält dagegen die K-Frage für schädlich. Aus der SPD heißt es mittlerweile, man plane „zeitnah eine Entscheidung“.

Nur Scholz selbst lächelt die Debatte weg, zeigt sich auf seinem Rückflug vom G20-Gipfel in Rio lässig im Poloshirt. Während ihn sein Verteidigungsminister – in Umfragen – aussticht. Seit Wochen hält sich Pistorius auf der Beliebtheitsskala aller Politiker auf Platz eins. Dabei wurde er als Verteidigungsminister in einen unliebsamen Posten gehievt, an dem manch andere ihre politische Karriere verschleißten.

Pistorius aber führt das Amt unaufgeregt. Tritt bestimmt, nie aufbrausend für mehr Bundeswehr-Milliarden ein. Bis zur letzten Sekunde des Ampel-Bruchs arbeitet er an inhaltlichen Themen. Auch jetzt will Pistorius noch seine Wehrdienstreform durchbringen.

Der SPD-Mann hat das Glück „nur“ Minister zu sein, er hat kein Bundestagsmandat, muss keine Termine im Wahlkreis machen und großangelegten parteipolitischen Wahlkampf betreiben. Auch ein Grund, warum er nahbar wirkt, sich irgendwie von der Berliner Polit-Clique abgrenzt. Bei Truppenbesuchen trägt er Camouflage-Bundeswehr-Outfits und testet fleißig das Equipment aus. Er hat selbst den Grundwehrdienst im Jahr 1980/81 geleistet und war mehrere Jahre Obergefreiter der Reserve.

Er zeigt sich fest an der Seite der angegriffenen Ukraine. Bei der Debatte um Taurus-Lieferungen stellt er sich allerdings strikt hinter Kanzler Scholz und verteidigt sein „Nein“. Lange Zeit versichert Pistorius, auch künftig Verteidigungsminister bleiben zu wollen, und lobt Scholz demonstrativ in höchsten Tönen. Mittlerweile findet er, man sollte in der Politik „nie irgendetwas ausschließen“. Sollte das Telefon diesmal klingeln, braucht er wahrscheinlich schon Bedenkzeit.

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