Russische Soldaten an der Front am rechten Ufer des Dnjepr, Saporischschja. © epa
Kiew/Moskau – Einen Tag nach dem ersten Abschuss US-amerikanischer Raketen auf russisches Gebiet hat die Ukraine erstmals auch britische Storm-Shadow-Marschflugkörper auf militärische Ziele in Russland abgefeuert. Das berichtet die „Financial Times“ unter Berufung auf drei mit der Angelegenheit vertraute Personen. Demnach sollen gleich mehrere Raketen abgefeuert sein. Auf einem prorussischen Militärblog auf Telegram wurden zudem Fotos der Raketentrümmer veröffentlicht – der Marschflugkörper sei wohl in der Region Kursk nahe dem Dorf Marino niedergegangen.
Die Ukraine hatte Russland am Dienstag erstmals mit weitreichenden, von den USA bereitgestellten ATACMS-Raketen angegriffen. Dabei wurde eine Militäreinrichtung in der russischen Grenzregion Brjansk getroffen. Moskau kündigte eine „entsprechende“ Antwort an und schloss dabei auch den möglichen Einsatz russischer Atomwaffen nicht aus.
Die USA haben inzwischen ihre Botschaft in Kiew geschlossen – aus Sorge vor einem russischen Gegenangriff. Man habe Informationen über einen möglicherweise erheblichen Luftangriff erhalten, hieß es. Die Angestellten der Botschaft wurden angewiesen, zu Hause zu bleiben.
Nach der US-Botschaft kündigten auch die Vertretungen Spaniens, Italiens und Griechenlands an, ihre Botschaften für den Publikumsverkehr zu schließen. Das ukrainische öffentlich-rechtliche Fernsehen berichtete unter Berufung auf diplomatische Quellen, dass ein größerer kombinierter Angriff mit Kampfdrohnen und ballistischen Raketen erwartet werde.
China hat nun alle Parteien zu „Ruhe“ und „Zurückhaltung“ aufgerufen. „Unter den gegebenen Umständen sollten sich alle Parteien ruhig verhalten und Zurückhaltung üben“, sagte Außenamtssprecher Lin Jian.
Der russische Präsident Wladimir Putin setzt hingegen auf eskalierende Rhetorik. Am Dienstag hatte er einen Erlass unterzeichnet, der es seinem Land erlaubt, Atomwaffen gegen einen Nicht-Atomstaat einzusetzen, falls dieser von Atommächten unterstützt wird. Zudem hat der Kreml Spekulationen über ein mögliches Einfrieren des Krieges zurückgewiesen. „Der Präsident hat bereits davon gesprochen, dass ein Einfrieren dieses Konfliktes für uns keine Option ist“, sagte Sprecher Dmitri Peskow. Moskau wolle weiterhin seine Kriegsziele erreichen.
Tags zuvor schloss der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit Blick auf die Überlegungen über Möglichkeiten zur Beendigung des Krieges zwar Gebietsabtretungen an Russland kategorisch aus. Er ließ aber Raum für einen zeitweiligen Verlust der Kontrolle über Teile ukrainischen Staatsgebiets bis zu einem Zeitpunkt nach der Regierungszeit Putins.
Die USA haben Kiew derweil den Einsatz einer weiteren umstrittenen Waffe erlaubt. US-Präsident Joe Biden ordnete nach einem Medienbericht nun auch die Lieferung von Schützenminen an die Ukraine an. Das berichtet die „Washington Post“ unter Berufung auf ranghohe Vertreter der US-Regierung. Grund für die Meinungsänderung im Weißen Haus sei das stetige Vorrücken russischer Truppen im Donbass. Die Lieferung dieser Minen sei nach Meinung des Pentagon ein wirksames Mittel, um das Vordingen der russischen Einheiten zu verlangsamen. Das russische Militär hatte am Rande der besetzten Gebiete in der Ukraine dichte Minenfelder ausgelegt und damit eine ukrainische Offensive zum Scheitern gebracht.
Der Einsatz von Minen ist international geächtet. Die 1999 in Kraft getretene sogenannte Ottawa-Konvention verbietet Einsatz, Produktion und Weitergabe dieser heimtückischen Waffen, die auch lange Zeit nach Kampfhandlungen ihre Opfer vor allem unter der Zivilbevölkerung in den jeweiligen Regionen finden. Die Konvention wurde von 164 Staaten unterzeichnet und ratifiziert, nicht jedoch von Russland und den USA.