Test einer russischen Interkontinentalrakete RS-26 „Rubesch“. Sie kann mit Atomsprengkopf bestückt werden. Das Oreschnik-System war bisher unbekannt. © Russ. Verteidigungsministerium
Moskau/Kiew – Der russische Präsident Wladimir Putin hat einen Angriff auf die Ukraine mit einer neuen Mittelstreckenrakete bestätigt und mit weiteren Schlägen gedroht. In einer Videoansprache nannte er das System Oreschnik. Es arbeite mit Hyperschallgeschwindigkeit und könne nicht abgefangen werden. In der ukrainischen Großstadt Dnipro waren am Donnerstagmorgen mutmaßlich sechs Sprengköpfe einer russischen Rakete eingeschlagen. Es seien keine nuklearen Sprengladungen gewesen, sagte Putin.
Er drohte zugleich dem Westen: .„Wir sehen uns im Recht, unsere Waffen gegen militärische Objekte der Länder einzusetzen, die es zulassen, dass ihre Waffen gegen Objekte bei uns eingesetzt werden.“ Putin sprach von einer Reaktion darauf, dass die USA und andere westliche Länder der Ukraine den Einsatz weitreichender Waffen auch auf russischem Territorium erlaubt hätten. „Wir haben mehrfach unterstrichen, dass der vom Westen provozierte Regionalkonflikt in der Ukraine Elemente globalen Charakters angenommen hat“, sagte Putin.
Bei weiteren möglichen Angriffen mit Oreschnik werde Russland die Zivilbevölkerung warnen, damit sie die Gefahrenzone verlassen könne, sagte Putin. Er sprach nicht von einem Nuklearangriff. Allerdings werten Experten gerade den Einsatz von mehreren Sprengköpfen als Hinweis darauf, dass die Rakete technisch gesehen auch nuklear bestückt werden könnte. Daten zu der neuen Rakete gibt es nicht.
Der Einsatz von Raketen mit hoher Reichweite auf beiden Seiten gilt als gefährliche Eskalation in dem seit mehr als 1000 Tagen andauernden russischen Angriffskrieg. Die Ukraine hatte in den vergangenen Tagen ATACMS aus US-Produktion und britische Marschflugkörper vom Typ Storm Shadow auf Militärziele in Russland abgefeuert. Nach dem Angriff mit dem neuen Raketentyp auf Dnipro gab es zunächst Spekulationen, ob es sich dabei um eine Interkontinentalrakete gehandelt haben könnte.
Die ukrainische Luftwaffe erklärte, die Rakete sei aus der südrussischen Region Astrachan gestartet. Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete Russland als „verrückten Nachbarn“, der die Ukraine als militärisches „Testgelände“ nutze.
Kreml-Sprecher Dmitri Peskow hatte auf die Frage, ob Moskau eine Interkontinentalrakete abgefeuert habe, geantwortet, er habe „nichts zu diesem Thema zu sagen“. Außenamtssprecherin Maria Sacharowa erhielt inmitten einer live übertragenen Pressekonferenz die Anweisung, die ukrainischen Vorwürfe nicht zu kommentieren: Während des Briefings bekam sie einen Anruf, in dem sie deutlich hörbar dazu aufgefordert wurde, „keinen Kommentar“ zu dem Angriff „ballistischer Raketen“ abzugeben.
Kurz zuvor hatte das Verteidigungsministerium in Moskau mitgeteilt, zwei von der Ukraine abgefeuerte Marschflugkörper des Typs Storm Shadow abgefangen zu haben. Zu Einschlägen und Schäden gab es allerdings keine Angaben. Britische Medien hatten bereits am Vortag unter Berufung auf nicht genannte Insider-Quellen über den Angriff berichtet. Demnach sind Trümmerteile der Marschflugkörper in dem Ort Marjino im russischen Gebiet Kursk, knapp 45 Kilometer entfernt von der Grenze gefunden worden.
Das in Washington ansässige Institut für Kriegsstudien (ISW) berichtete, dass ein gemeinsamer russisch-nordkoreanischer Kommandopunkt angegriffen und zerstört worden sei. Der ukrainische Generalstab hat diese Angaben allerdings nicht bestätigt.
Der britische Verteidigungsminister John Healey wich der Frage nach einem Einsatz der Storm Shadow ebenfalls aus. Er werde sich nicht zu operativen Details äußern, sagte er. Das gefährde die Sicherheit.