Noch US-Präsident: Joe Biden macht die Niederlage der Demokraten an der Kandidatin fest. © AFP
Washington – In drei Wochen muss sich US-Präsident Joe Biden einem der schmerzhaftesten Momente seiner Amtszeit stellen: Dem Auszug aus dem Weißen Haus und der Übergabe der Regierungsgeschäfte an den bei den Bidens so verhassten Donald Trump. Die beiden Präsidenten wollen sich beim Wachwechsel zum Kaffee im Oval Office treffen. Und wenn sich Biden an die Tradition hält, wird er für den Republikaner einen kurzen handschriftlich verfassten Brief hinterlassen. Ob er dann wohl schreibt, was ihn derzeit Berichten zufolge intensiv beschäftigt: „Wäre ich Kandidat geblieben, hätte ich die Wahl gewonnen“, soll der „Washington Post“ zufolge Biden immer wieder Freunden und Vertrauten gegenüber äußern. Was auch bedeutet: Er kann sich mit seinem von der Parteiführung im Sommer 2024 erzwungenen Rückzug immer noch nicht abfinden.
Indirekt ist dies natürlich auch eine Kritik an Kamala Harris, die Biden bislang in seinen öffentlichen Aussagen geschont hat. Denn der scheidende Präsident unterstellt, dass Harris nicht aufgrund ihrer politischen Thesen – die sich weitgehend an Biden orientiert hatten – verloren hat, sondern aufgrund ihrer Persönlichkeit. Biden will partout nicht akzeptieren, dass die Partei vor allem deshalb die Reißleine zog, weil so gut wie alle Meinungsumfragen seine Niederlage vorhersagten. Die Parteiführung – allen voran Nancy Pelosi – gibt hingegen ihm weiterhin die Hauptschuld an der Niederlage. Die Argumentation lautet hier: Biden hat das Volk und auch die Partei über seinen wirklichen Zustand und die fortschreitende Altersschwäche getäuscht und sich viel zu spät aus dem Rennen zurückgezogen.
Nun scheint Biden vor allem darum bemüht, sein Vermächtnis und seine Bewertung in den Geschichtsbüchern zu retten. Doch die Behauptung, er hätte anders als Kamala Harris Trump im November besiegt, ignoriert wesentliche Fakten. Denn es war auch seine Politik, die für das große Ausmaß an Unzufriedenheit sorgte. So hatte er schließlich die Verantwortung für eine Inflation, die zwischenzeitlich sogar 9,2 Prozent betrug und die Verbraucherpreise in kaum erträgliche Höhen trieb. Harris beging dann den Kardinalfehler festzustellen, sie würde im Rückblick keinen einzigen Aspekt der Biden-Politik ändern. Dazu zählte auch das Kuriosum, den chaotischen und folgenschweren Afghanistan-Abzug als „außergewöhnlichen Erfolg“ zu klassifizieren. Oder den Heimatschutzminister vorzuschicken, um wider besseres Wissen zu behaupten: Die Grenzen, über die unter Biden und Harris Millionen Migranten illegal und weitgehend ungehindert in die USA einreisen konnten, seien sicher.
FRIEDEMANN DIEDERICHS