„Konflikt lohnt sich mit ihr nicht“: Angela Merkel im Jahr 2000. © dpa
Berlin/München – Als Friedrich Merz vor einem halben Jahr als CDU-Chef für Angela Merkel einen Festakt zum 70. Geburtstag auszurichten hatte, blieb ein einziger ehrlicher Satz hängen. „Jeder weiß, dass wir Höhen und Tiefen hatten“, sagte sie über das Verhältnis. Das war eine Höhe. Und jetzt, drei Wochen vor der Bundestagswahl, folgt die Tiefe. Die unaufgeforderte öffentliche Kritik Merkels an Merz ist, weil der Zeitpunkt so heikel ist, die maximale Zerrüttung.
Warum, wissen fast nur noch Historiker. Seit spätestens 2000, als die CDU ihre Überfiguren Kohl und Schäuble verlor, stehen die fast gleich alten Merkel und Merz in Konkurrenz. „Es gab ein Problem“ schreibt Merkel in ihrer Biografie, „und zwar von Beginn an: Wir wollten beide Chef werden.“ Was sie nicht schreibt, Beobachter aber sagen: Sie hielt ihn für einen Intriganten. Nach der verlorenen Wahl 2002 wurde sie Fraktionschefin, er nur Vize. Berliner Journalisten berichten, dass beide sich jahrelang intern abwertend übereinander äußerten. 2004 schmiss Merz im Streit um die Wirtschaftspolitik hin und ging. „Das Bedauern in der Union über den zornigen Rückzug hält sich sehr in Grenzen“, schrieb mal die „Zeit“ giftig.
In Merkels 16 Kanzlerjahren war Merz unerwünscht. Erst anschließend kämpfte er sich in mehreren Anläufen zurück. Das ging einher mit einer Neujustierung des CDU-Kurses. Merz, seit 2022 CDU-Chef, sieht die Grenz-Nicht-Schließung von 2015 als einen historischen Fehler Merkels, noch schlimmer als ihre Wirtschafts- und Russland-Politik. Inzwischen ist das die Mehrheitsmeinung in CDU und CSU. Aber noch lange kein Grundkonsens: Obwohl viele alte Merkel-Vertraute die Bundespolitik verlassen haben, gibt es noch Unterstützer ihrer Linie, auch an der Basis, etwa in kirchennahen Kreisen und im Sozialflügel.
Bis gestern herrschte eine Art Waffenstillstand zwischen Merz und Merkel. Keine bösen Worte über sie, statt dessen mit höchster Schauspielkunst der Geburtstagsempfang; zudem hängte ihr CSU-Chef Markus Söder 2023 in München feierlich den Verdienstorden um. Dafür hielt sich die Ex-Kanzlerin aus der Tagespolitik raus, trat nur selten auf, manchmal bei den Grünen, ab und zu bei der CDU, häufig nur, um ihr Buch zu promoten. Nun ist für sie mit dem AfD-Votum eine rote Linie überschritten.
In der Union wird als Kommando ausgegeben, Merkels Feuerstoß so gut es geht zu ignorieren. Die Partei sehe das „geschlossen anders“, verbreitet etwa die Junge Union. Mancher erinnert sich allerdings noch, was Söder bei seiner Ordens-Laudation zu Merkel sagte: Mit ihr habe sich „ein Konflikt selten gelohnt. Du hast dein Gegenüber totgesessen.“
CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER