Ein Herz für Afrika: Der damalige Bundespräsident Horst Köhler im Mai 2009 bei der Vorstellung der Kampagne „Dein Tag für Afrika“. © Novopashina/dpa
Berlin – Es war ein politischer Paukenschlag, der die Republik den Atem anhalten ließ. Am 31. Mai 2010 lud Bundespräsident Horst Köhler die Hauptstadtmedien überraschend zu einem Statement ins Schloss Bellevue ein. Was er zu sagen hatte, war noch überraschender: „Ich erkläre hiermit meinen Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten – mit sofortiger Wirkung.“ Köhler standen dabei die Tränen in den Augen. Es handelte sich um einen bis dahin einmaligen Vorgang in der Geschichte der Bundesrepublik.
Köhlers Rücktritt kam völlig überraschend – auch für Kanzlerin Angela Merkel, die noch versuchte, ihn umzustimmen. Auslöser war ein Interview zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr, das erst weitgehend unbemerkt verhallte, dann aber heftige Kritik auslöste. Köhler gab es dem Deutschlandradio Kultur auf dem Heimflug nach einem Blitzbesuch in Masar-i-Scharif bei den in Afghanistan stationierten deutschen Soldaten.
Es war ein langer, umständlich formulierter Satz, der die Kritiker erzürnte. Köhler sagte, dass „ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege (…)“. Köhler wurde vorgeworfen, er rechtfertige damit auch den Afghanistan-Einsatz mit wirtschaftlichen Interessen. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin sprach von „Kanonenbootpolitik“.
Ein Stück weit mag sich der jähe Schritt Köhlers daraus erklären, dass er der erste Bundespräsident war, der keine Parteikarriere hinter sich hatte, der die scharfe politische Auseinandersetzung nicht gewohnt war. Köhler wurde am 22. Februar 1943 im damals von deutschen Truppen besetzten polnischen Skierbieszow geboren. Seine Familie floh 1944 vor der Roten Armee Richtung Westen in die Nähe von Leipzig und 1953 weiter nach Westdeutschland. In Tübingen studierte er Wirtschaft, promovierte, ging nach Bonn, stieg im Bundesfinanzministerium auf bis zum Staatssekretär.
1992 wechselte Köhler an die Spitze des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, ging später zur Osteuropabank nach London. 2000 wurde er Geschäftsführender Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF). Damit hatte er eine Schlüsselfunktion in der globalen Finanzwelt inne und – anders als später als Bundespräsident – auch Macht.
Als ihn die Bundesversammlung am 23. Mai 2004 ins höchste Staatsamt wählte, war Köhler den meisten Deutschen unbekannt, wurde aber schnell beliebt. Im Amt war er unangefochten. 2009 wurde er wiedergewählt, setzte sich schon im ersten Wahlgang gegen drei Mitbewerber durch.
Sein Amt als neunter Bundespräsident trat Köhler am 1. Juli 2004 mit großem Anspruch an. „Meinen Amtseid verstehe ich als Verpflichtung, zur Erneuerung Deutschlands beizutragen.“ Notfalls unbequem wolle er sein – was er bald unter Beweis stellte.
So durchkreuzte Köhler im November 2004 die Pläne des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD), den Tag der Deutschen Einheit immer auf den ersten Sonntag im Oktober zu legen, um so einen Feiertag einzusparen. Vor allem in der SPD wurde das als Affront gesehen. Im Januar 2005 unterzeichnete Köhler zwar das Luftsicherheitsgesetz, regte aber eine Überprüfung durch das Bundesverfassungsgericht an. Dieses kassierte später die Bestimmung zum Abschuss von Passagiermaschinen im Notfall.
Auf internationaler Bühne setzte Köhler vor allem Zeichen für Afrika. Der Kontinent war gewissermaßen seine außenpolitische Agenda. „Ich hab‘ mein Herz in Afrika verloren“ – diesen Satz hörte man oft von ihm. Zwölf afrikanische Länder besuchte er in den sechs Jahren seiner Amtszeit.