Zwei Wochen vor der Bundestagswahl ist das Land gefühlt so politisiert und emotionalisiert wie lange nicht. Nicht nur weil Zehntausende friedlich auf den Straßen demonstrieren, sondern leider auch weil Wählkämpfer inzwischen täglich von Anfeindungen und Übergriffen berichten. Scheinbar wissen alle, was und wen sie wollen – und vor allem, was und wen sie nicht wollen.
Doch all dieser hitzigen Bestimmtheit zum Trotz: Es gibt noch immer eine sehr große Gruppe von Unentschlossenen. Infratest beziffert die Größenordnung auf ein Fünftel der Wahlberechtigten, der Forsa-Chef sogar auf ein Viertel. Und darunter befinden sich keineswegs nur politisch Uninformierte, sondern sicher auch viele, die dem aufgeregten Politik-Spektakel dieser Tage zunehmend ratlos gegenüber stehen.
Bezeichnend für diese Ratlosigkeit sind die Umfragezahlen von BSW und Linkspartei. Lange sah es so aus, als würde die ausgetretene Sahra Wagenknecht ihren Ex-Kollegen den politischen Todesstoß versetzen. Bei der Europawahl im Sommer fuhr das BSW 6,2 Prozent ein. Im Herbst erzielte man bei den Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg sogar zweistellige Ergebnisse. Politologen dozierten bereits, das Bündnis schließe eine Lücke im Parteiensystem.
Und heute? Wegen Wagenknechts autoritären Führungsstils offenbarten sich während der Koalitionsverhandlungen im Osten erste Risse im Bündnis. Plötzlich hadern viele mit dieser Mischung aus Personenkult, rechter Migrations- und linker Sozialpolitik. In Bayern hagelt es Parteiaustritte, im „Deutschlandtrend“ steht das BSW nur noch bei vier Prozent. Das Bündnis hat in Rekordzeit den Reiz des Neuen verloren.
Überholt wird man kurioserweise von der totgesagten Linken, deren Wiederauferstehung unterschiedlichste Gründe hat. Zum einen mutiert Spitzenkandidatin Heidi Reichinnek unerwartet zum Tiktok-Star. Zum anderen verfügt die migrationsfreundliche Linke plötzlich über ein echtes Alleinstellungsmerkmal, seitdem auch die Grünen – eine Regierungsbeteiligung im Blick – einen härteren Migrationskurs einschlagen.
Was lehrt das für die Schlussphase dieses Wahlkampfs? Politik wird immer schwerer berechenbar, Strategen und Demoskopen stoßen zunehmend an Grenzen. Denn politisch Heimatlose ziehen eben schnell weiter.
MIKE.SCHIER@OVB.NET