Angriffslustig: Olaf Scholz und Friedrich Merz vor dem TV-Duell, bei dem sich beide einen Schlagabtausch lieferten. © dpa
Berlin – Eigentlich müsste Olaf Scholz angesichts des Umfrage-Rückstands attackieren – aber das fällt halt schwer, wenn man die schlechten Wirtschaftszahlen und die Probleme bei der Migration als Kanzler zu verantworten hat. So ist es doch in erster Linie Friedrich Merz, der Unions-Herausforderer, der die aggressivere Rolle in diesem TV-Duell übernimmt.
Etwa, als er beim Thema AfD-Zusammenarbeit ein Interview aus dem Jackett zieht und dem Kanzler zitiert, niemand solle sich bei Abstimmungen davon abhängig machen, wie die AfD abstimmt. Scholz kontert, dass es in dem Interview um Kita-Plätze in der Kommunalpolitik ging, nicht um die großen Entscheidungen des Bundestags. Und der Kanzler wiederholt seine „ernste Sorge“, dass der CDU-Chef nach der Wahl eine Koalition mit der AfD eingehen werde. Aber Merz ist es gelungen, bei dem für ihn so heiklen AfD-Thema Scholz in die Defensive zu drängen.
So wie er es dann beim Thema Abschiebungen und Asylrecht tut, wo er Scholz vorwirft: „Sie leben nicht in dieser Welt, was Sie hier erzählen ist ein Märchenschloss.“ Die Ampel habe „weit über zwei Millionen irreguläre Migranten nach Deutschland“ gelassen. Das entspreche mehr als den Einwohnern der Stadt Hamburg, so der CDU-Vorsitzende. „Sie kriegen es in Ihrer Koalition nicht so hin, wie es notwendig wäre.“
Und so wie Merz Scholz wegen der schlechten Wirtschaftsbilanz seiner Bundesregierung attackiert, woraufhin Scholz sich damit heraus redet, dass es nicht er, sondern Putin gewesen sei, der die Ukraine überfallen und damit die derzeitige Krise ausgelöst habe. Eine gute Vorlage für Merz, der darauf verweisen kann, dass die anderen EU-Staaten allesamt mit diesem Problem zu kämpfen haben, aber bessere Wirtschaftsdaten vorweisen können.
Scholz kann aber bei den außenpolitischen Themen den Spieß umdrehen, wirft Merz vor, nicht ehrlich zu sagen, wie die Unterstützung der Ukraine künftig finanziert werden kann. Er drängt dabei Merz sogar dazu, zuzugeben, dass an diesem Punkt die Schuldenbremse reformiert werden könne.
Auf die Frage nach Koalitionen mit der Union erklärt Scholz, dass er trotz aller Umfragen glaube, dass die SPD mit anderen Parteien nach Partnern suchen könne. „Heute haben die Wähler ja sehen können, dass es mit der Union nicht funktioniert.“
Einiges ist anders bei diesem TV-Duell als in früheren Bundestagswahlkämpfen: Die Zeit läuft nicht mehr bei jedem Redebeitrag mit, was das oft nervige Sekundenzählen bei den Statements der Kontrahenten durch ein etwas lockereres Regiment via Regie ersetzen sollte – dieses Konzept tat der Sendung gut.
Aber der viel entscheidendere, politische Unterschied ist: Die Zeit, in der zwei große Volksparteien das Rennen ums Kanzleramt austragen, ist vorbei. Der SPD-Kanzlerkandidat liegt bei manchen Umfragen zum Direktvergleich nur auf vierter Stelle, seine Partei auf Platz drei, weit hinter der Union, der AfD und fast gleichauf mit den Grünen. Ein „Duell“ ist da eigentlich nicht wirklich mehr angebracht. Allenfalls der Kanzler-Bonus für Scholz rechtfertigt diesmal noch dieses Format.
Der Haken ist nur: Schon ein Zweiergespräch wird nur selten zum echten Schlagabtausch, allzu oft redeten die beiden Kontrahenten in auswendig gelernten Statements aneinander vorbei. Beim direkten Schlagabtausch aller vier Kanzlerkandidaten, der am kommenden Sonntag auf RTL und ntv ansteht, dürfte es noch schwieriger für die Moderatoren werden, ein echtes Gespräch zwischen den Kandidaten zustande zu bringen.
Wer war am Ende der Sieger dieses TV-Duells? Die Umfragen dazu lagen bei Redaktionsschluss noch nicht vor – aber es ist wohl wie immer bei diesem Polit-Spektakel: Die Scholz-Fans finden, ihr Kanzler war besser, die Unions-Anhänger (und Markus Söder bei X) sind überzeugt, Merz „liegt klar vorn“. Aber ob die Union oder die SPD wirklich noch unentschiedene Wähler gewinnen konnten, das bleibt fraglich.