Nachruf: Regierungschef der Rekorde

von Redaktion

Bernhard Vogel mit seinem Bruder, dem Ex-Minister Hans-Jochen Vogel 2000. © dpa

Speyer/Erfurt – Bis zuletzt hat sich Bernhard Vogel aus dem Ruhestand heraus immer wieder auf der politischen Bühne gemeldet. Nach seinem altersbedingten Rücktritt vom Amt des Thüringer Ministerpräsidenten im Jahre 2003 wurde er regelmäßig und gern zu gesellschaftspolitischen Fragen gehört. Er deutete die Politik seines politischen Weggefährten Helmut Kohl oder analysierte das Zusammenwachsen von Ost und West ebenso wie den Zustand der CDU. Nun ist der CDU-Politiker im Alter von 92 Jahren in Speyer gestorben.

Der 1932 in Göttingen geborene und in Gießen sowie München aufgewachsene Christdemokrat erarbeitete sich seine Expertise in Jahrzehnten politischen Wirkens. Dabei trieb er die Gründung zweier Universitäten erst in Trier/Kaiserslautern und später in Erfurt voran. Er galt als brillanter Rhetoriker und sprach dabei immer eine verständliche Sprache. Vogel galt als volksnah, zog gern auch über die kleinen Dörfer, wanderte mit den Thüringern, die sich ihm anschließen wollten. Die CDU gewann unter seiner Führung in beiden Bundesländern absolute Mehrheiten. In der CDU war er so gut vernetzt, dass er nach der Parteispendenaffäre 2010 zeitweilig als Kandidat für den Bundesvorsitz im Gespräch war.

Dabei habe er nie Berufspolitiker werden wollen, sagte Vogel einmal. Zur Kandidatur für den Stadtrat von Heidelberg sei er 1963 von einem befreundeten Kfz-Mechaniker aufgefordert worden. Zur Bundestagskandidatur zwei Jahre später hätten ihn Betriebsräte ermuntert. Und als rheinland-pfälzischer Kultusminister habe ihn der CDU-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Helmut Kohl, 1967 empfohlen. „Das erste Amt, das ich selbst angestrebt habe, war dann die Nachfolge Kohls als Ministerpräsident in der Mainzer Staatskanzlei“, betont Vogel in seiner Rückschau.

Vogel wurde 1976 Ministerpräsident – und blieb es mit einer Unterbrechung von vier Jahren bis 2003 – zunächst in Rheinland-Pfalz und später in Thüringen, als Ersatz für den gescheiterten, ersten Nachwende-Regierungschef in Thüringen, Josef Duchac (CDU), gesucht wurde. Vogel professionalisierte den Thüringer Politikbetrieb, auch indem er politische Weggefährten holte. Mit Dieter Althaus (CDU) baute er einen Nachfolger auf.

Doch nicht alles in Thüringen ist ihm geglückt. So werden etwa die Vorkommnisse rund um die Rettung des CD-Werks in Suhl in der sogenannten Pilz-Afäre mit seinem Namen verbunden bleiben. Mit mehr als 120 Millionen Euro wollte seine Regierung mehrere hundert Arbeitsplätze in dem Werk erhalten. Doch die Wahl der Mittel verstieß, wie Jahre später feststand, gegen EU-Recht. Danach wurde es – auch aus gesundheitlichen Gründen – ruhiger um ihn. Er fühle sich beiden Bundesländern verpflichtet, müsse aber nicht mehr jeden Termin wahrnehmen, sagte Vogel selbst einmal. Und: Ministerpräsident i.R. kann man auch mit ‚in Rufbereitschaft‘ übersetzen.“
MATTHIAS THÜSING

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