KOMMENTAR

Syriens Wunden liegen wieder offen

von Redaktion

Massaker an Zivilisten

Manche hatten den Syrien-Krieg schon zu den Akten gelegt, aber jetzt zeigt sich: Die Geschichte vom geläuterten Ex-Islamisten Ahmed al-Scharaa, der sein Land in ein gerechtes Post-Assad-Zeitalter führen wird, war zu schön, um wahr zu sein. Tatsächlich hat der syrische Übergangspräsident schon jetzt zwei Versprechen gebrochen: Von der Expertenregierung, der er Platz machen wollte, ist bisher nichts zu sehen. Wichtiger noch: Er versprach, es werde keine Racheakte geben. Nach den Massakern an rund 1000 Zivilisten, zumeist Alawiten wie der geflüchtete Ex-Diktator Baschar al-Assad, hat sich auch das als Illusion herausgestellt.

Die anfängliche Euphorie über Assads Sturz hat überdeckt, dass sich ein Krieg nach 13 Jahren nicht einfach so abstellen lässt. Verrohte Islamisten stehen Assad-Anhängern gegenüber, die ihrerseits auf Revanche sinnen und die jüngsten Kämpfe wohl provozierten. Auf ordnende Hilfe der internationalen Gemeinschaft werden die Menschen in Syrien derzeit wohl nicht hoffen können. Zugleich hat Europa aber ein fundamentales Interesse daran, dass das Land nicht erneut im Chaos versinkt. An al-Scharaa als Stütze führt derzeit wohl kein Weg vorbei. Wir sollten ihm jetzt aber dringend klarmachen, dass er im Gegenzug für die Unterstützung Europas für Ordnung sorgen muss. Die gelockerten Sanktionen lassen sich ruckzuck wieder straffen.

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