KOMMENTARE

Lebenszeichen vom anständigen Amerika

von Redaktion

Proteste in den USA

In den vergangenen Wochen musste man den Eindruck gewinnen, die US-Gesellschaft habe vor dem vielgestaltigen Irrsinn ihres Präsidenten kapituliert. Donald Trump konnte tun, was er wollte (und er tat viel) – große Proteste blieben aus. Umso ermutigender sind die Demonstrationen vom Wochenende, die nicht nur in der Hauptstadt oder liberalen Metropolen stattfanden, sondern landesweit. Noch ist das kein Aufstand, wohl aber ein kräftiges Lebenszeichen jener vielen, die sich mit der Abschaffung der alten USA nicht abfinden wollen.

Man kann mit Recht fragen, warum das so lange gedauert hat. Trumps Agenda lag offen auf dem Tisch, seit Januar hat er so viel Schaden angerichtet wie wohl keiner seiner Vorgänger. Die ohnehin mächtige Stellung des US-Präsidenten interpretiert er autoritär, er zerschlägt (rechts-)staatliche Strukturen, missachtet die Gewaltenteilung. Früheren Partnern wie Kanada droht er mit Annexion, Europa hat er zum lästigen Ballast erklärt, der es allenfalls wert ist, mit Zöllen drangsaliert zu werden. Dem selbstherrlichen Trump ist zuzutrauen, dass er die Apathie im Inneren als stille Zustimmung verstand.

Dem ist nicht so. Neben jenen, die Trump politisch eh verachten, wächst der Ärger in vielen (potenziell auch Republikaner-nahen) Gesellschaftsteilen: bei Ex-Soldaten, die die massiven Kürzungen im Veteranenministerium spüren. Bei Rentnern, die sinkende Aktienkurse sofort spüren. Bei zehntausenden Staatsbediensteten, die Trumps Lieblings-Milliardär Elon Musk auf die Straße setzte. Dass der Präsident am Wochenende vom Golfplatz aus Durchhalteparolen ins Land schickte, war schon ein besonderes dumpfes Zeichen elitärer Verachtung für die normalen Amerikaner.

Die Frage, ob der Proteststurm Wirkung entfaltet, hängt natürlich damit zusammen, ob er anhält, größer wird. Dabei muss die Demokratische Partei helfen, die bislang in der irrigen Annahme, Trump werde über sein Zerstörungswerk stolpern, nur zusieht. Ex-Präsident Obama, selbst lange nur Zuschauer, forderte die Amerikaner gerade erst zu mehr Widerstand auf. Er sollte auch seiner Partei schleunigst Beine machen.

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