München – Auch noch zwei Wochen nach seiner Rede zur Eröffnung des neuen Bundestags erntet Gregor Gysi (Linke) scharfe Kritik. Der CSU-Ehrenvorsitzende Theo Waigel hat den Alterspräsidenten in einem persönlichen Brief hart abgewatscht: „Eine Entschuldigung Ihrerseits wäre angemessen, da Sie seit 1967 der herrschenden Unrechtspartei SED angehörten“, schreibt das CSU-Urgestein. „Mir ist nicht bekannt, dass Sie sich gegen dieses unmenschliche System aufgelehnt oder dagegen protestiert hätten.“
Gysi hatte sich bei der konstituierenden Sitzung des Bundestags nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Viele Abgeordnete zeigten sich von der 36-minütigen Rede des Linken-Politikers enttäuscht: Der 77-Jährige schlug in seiner ersten Ansprache als neuer Alterspräsident einen weiten Bogen an politischen Themen, um seine eigene Position deutlich zu machen. Dabei forderte er auch den künftigen Bundeskanzler dazu auf, sich bei allen Ostdeutschen zu entschuldigen. „Übernommen hat man aus der DDR nur das Sandmännchen, das Ampelmännchen und den grünen Abbiegepfeil“, sagte Gysi. „Damit sagte man aber den Ostdeutschen, dass sie außer diesen drei Punkten nichts geleistet hätten.“
Waigel kritisiert nun, dass Gysi mitverantwortlich für die Ungleichbehandlung der DDR-Bürger sei. „Über das Erbe, das Ihre Partei 1990 hinterlassen hat, haben Sie sich ausgeschwiegen“, sagt der Ex-Bundesfinanzminister. Dass sich die Volkswirtschaft der DDR in einem „verheerenden Zustand“ befand, sei Schuld der SED, „und dieser Verantwortung sollten auch Sie sich persönlich stellen“. Gysi trat 1967 in die SED ein und wurde 1989 letzter Parteivorsitzender. Ein Jahr später zog er mit der SED-Nachfolgepartei PDS in den Deutschen Bundestag ein.