Raus aus dem Rampenlicht: Kevin Kühnert. © SCHWARZ/AFP
München – Kevin Kühnert hat sich für Abstand von der Politik entschieden. Am Tag der Bundestagswahl war er in den Bergen. Den Abend, an dem er als Generalsekretär als Erster vor die Kameras gemusst hätte, um das mäßige Wahlergebnis seiner SPD zu erklären, verbrachte er in einer Ferienwohnung in Südtirol. Am 7. Oktober hatte der 35-Jährige die Reißleine gezogen: Er trat selbst für enge Vertraute völlig überraschend von seinem Posten zurück und kündigte an, nicht mehr für den Bundestag zu kandidieren.
Seitdem hatte der SPD-Hoffnungsträger a. D. geschwiegen. Nur eine letzte Rede im Bundestag gab es, in der aufgeregten Debatte über die gemeinsame Abstimmung von Friedrich Merz mit der AfD. Seit ein paar Wochen ist Kühnert nun arbeitslos und bricht für ein Porträt in der „Zeit“ sein Schweigen über die Gründe für seinen Rückzug. Spekulationen gingen damals in Richtung Burn-out und Depression. Kühnert beschreibt nun aber ein konstantes Bedrohungsgefühl.
„Es macht einen großen Unterschied, ob ein Ehepaar zu Hause auf dem Sofa den Fernseher ausmacht und sich einig ist, dass dieser Typ ein linker Spinner ist, den man nicht für voll nehmen kann. Oder ob Leute sagen: Guck mal, den kennen wir, der kriegt jetzt aufs Maul.“ Er beschreibt grenzwertige Szenen: mit Neonazis, einer Corona-Leugnerin, mit einem Fan bei einem Fußball-Spiel. Es habe bei ihm keinen Schlüsselmoment gegeben, auch keine medizinische Diagnose. „Meine rote Linie ist da, wo Gewalt in der Luft liegt. Ich bin nur 1,70 Meter groß.“ Er habe den Glauben daran verloren, gegen den Hass ankämpfen zu können, der auf Social Media befeuert werde.
Kühnert beschreibt, wie er in den Bergen nach Ruhe gesucht habe. Aber mit wachsendem Bekanntheitsgrad sei es immer schwieriger geworden. Immer öfter sei er auch in abgelegenen Gasthöfen erkannt und sogar angepöbelt worden. „Irgendwann ist mir klar geworden: Wenn ich in Ruhe gelassen werden will, muss ich dahin, wo gar keine Menschen sind.“
Die Zahl der Straftaten gegen Amts- und Mandatsträger ist 2024 laut Bundesinnenministerium um rund 20 Prozent gestiegen. Doch Kühnert beschreibt keine Straftaten, sondern viele kleinere, aber eben unangenehme Begebenheiten. Dem „Zeit“-Bericht zufolge hadert er nicht nur mit den Rechten, sondern auch einer wachsenden Unerbittlichkeit links der Mitte. In einem Interview habe er einmal über den Hass auf schwule Männer gesprochen. Kühnert erzählte darin, dass er es vermeide, mit seinem Partner Hand in Hand durch Berlin zu gehen. Homophobes Verhalten erlebe er nicht nur, aber auch von Muslimen. Daraufhin brach ein Shitstorm los, selbst Genossen warfen Kühnert vor, ein Rassist zu sein.
Jetzt ist er raus aus dem Rampenlicht. Und im Laufe der Zeit wird er nicht mehr in die Berge fliehen müssen, um seine Ruhe zu haben.
MIK