Am Ende hat sich also doch noch knapp die Hälfte der Sozialdemokraten herbeibequemt, einem Koalitionsvertrag, der unverkennbar ihre rote Handschrift trägt, freudlos zuzustimmen. Anders als Juso-Chef Philipp Türmer und dessen Genossen-Generation Z haben die lebenserfahreneren älteren Parteimitglieder verstanden, dass 16% Wählerzuspruch kein Auftrag sind, 100% SPD-Positionen durchzusetzen – und dass, wer Friedrich Merz partout nicht will, am Ende wohl Alice Weidel kriegt.
Es spricht für sich (und gegen den Zustand der SPD), dass weniger Deutschlands Zukunft das Hauptthema war, das die SPD-Debatten in den beiden Wochen des Mitgliederentscheids prägte, sondern die vergleichsweise nachrangige Frage, in welchem Amt man die ungelenke, aber sehr bleibewillige (Noch-)Parteichef Saskia Esken verräumen soll. Dabei hätte ein bisschen weniger Weltschmerz und Lamento über die Uneinsichtigkeit der Wähler der SPD gut zu Gesicht gestanden. Sie hat zwar nicht die Wahl gewonnen, aber den Poker danach. Wie schon 2005, 2013 und 2017. Auch wenn‘s umgekehrt besser wäre: Im Verhandeln hat es die Partei zu einer Raffinesse gebracht, die bei ihrem Werben um Wähler seit Gerhard Schröder und erst recht Helmut Schmidt leider verloren gegangen ist.
Friedrich Merz ist nicht zu beneiden um die Aufgabe, mit dieser Sozialdemokratie und ihrem übellaunigen Nachwuchs einen Aufbruch fürs Land herbeizuzaubern. Doch er hat eine Chance: Die Messlatte für Schwarz-Rot hängt ausweislich jüngster Umfragen so tief, dass es ein Kunststück wäre, sie trotzdem zu reißen. Möglich ist zwar alles, selbst ein Scheitern von Merz bei der Kanzlerwahl am Dienstag, bei der die Koalition nur über ein knappes 12-Stimmen-Polster verfügt. Doch auch in der SPD wissen sie: Ließe man Merz durchfallen, würde man Mützenichs „Tor zur Hölle“ damit sperrangelweit aufstoßen. Denksportaufgabe für Philipp Türmer, den neunmalklugen Juso-Doktoranden an der Uni Frankfurt: Wen würden die Bürger bei den dann folgenden Neuwahlen für die geplatzte Regierungsbildung wohl zur Verantwortung ziehen?