Man kann ihn nicht ignorieren: Nigel Farage, Chef der Partei Reform UK, wird den Tories gefährlich. © dpa
London – In der Woche der englischen Kommunalwahlen zeigt das Titelblatt des renommierten britischen „Economist“ das großformatige Gesicht eines Mannes, der mit lässigem Ausdruck durch eine Sonnenbrille blickt. Er bekleidet zwar kein öffentliches Amt. Trotzdem ist Nigel Farage, Brexit-Vorkämpfer und Chef der rechtspopulistischen Reform-Partei, ein „Mann, den Großbritannien nicht ignorieren kann“, titelt das Magazin.
Doch ist er auch der nächste Premier und Totengräber der traditionsreichen konservativen Tories? Das ist sein Ziel und dass es so kommen könnte, gilt nicht mehr als ausgeschlossen. Das Ergebnis der gestrigen Kommunalwahlen könnte sich als Omen erweisen.
Gewählt werden Ratsmitglieder in rund zwei Dutzend Bezirken in weiten Teilen Englands und Bürgermeister mehrerer Gemeindeverbände. Und es ist vor allem die Tory-Partei, die bangen muss. Noch unter Ex-Premier Boris Johnson errang sie bei den Wahlen in etwa denselben Bezirken 2021 einen Kantersieg. Befürchtet wird nun, dass sie rund die Hälfte ihrer knapp 1000 Gemeinderatssitze verliert – viele davon an Farages Partei Reform UK.
Lange konnten die Konservativen Farage auf Abstand halten. EU-Austritt, Bootsflüchtlinge, der Kampf gegen alles „Woke“: Worauf auch immer Farage sein Augenmerk legte, waren die Tories bald zur Stelle und machten sich seine Ansichten zu eigen.
Doch der Abstand schrumpft. Ähnlich wie die AfD in Deutschland hat auch die Farage-Partei nach der Parlamentswahl kräftig zugelegt. Mit 25 Prozent liegt sie im Schnitt der jüngsten Umfragen sogar vor der Regierungspartei Labour (23 Prozent) und den Tories (21 Prozent). Stünde jetzt eine Parlamentswahl an, könnte Reform zur größten Fraktion im Parlament werden. Das wäre ein Schock, denn bislang sorgte das britische Mehrheitswahlrecht meist zuverlässig dafür, dass entweder die Konservativen oder Labour ein klares Regierungsmandat erhielten.
Albtraum der Tories ist, dass dieses System dauerhaft gestört sein könnte, oder noch schlimmer, sich wieder einpendelt – aber nicht mit den Tories – sondern mit Reform als Gegenpol zu Labour. Bei den Konservativen wird daher bereits diskutiert, ob es besser wäre, einen Pakt oder eine Koalition mit Farage zu schließen. Robert Jenrick, interner Widersacher von Parteichefin Kemi Badenoch, liebäugelte bereits öffentlich damit.
Auch in der regierenden Labour-Partei ist die Angst vor Farage groß. Hintergrund ist, dass sich viele traditionelle Labour-Wähler aus der Arbeiterschicht beim Brexit-Referendum für den EU-Austritt ausgesprochen hatten. Bei ihnen stoßen Farages Botschaften auf fruchtbaren Boden.
CHRISTOPH MEYER