Seoul – Nach einer mehrmonatigen Staatskrise haben die Südkoreaner ein neues Staatsoberhaupt gewählt. Laut einer Nachwahlbefragung hat der Mitte-Links Politiker Lee Jae Myung die Präsidentschaftswahl gewonnen. Lee kommt auf 51,7 Prozent der Stimmen, sein konservativer Rivale Kim Moon Soo auf 39,9 Prozent, wie aus der kurz nach Schließung der Wahllokale am Dienstagabend veröffentlichten Erhebung hervorgeht.
Grund der Krise: Im Dezember hatte der frühere konservative Staatschef Yoon Suk Yeol aufgrund eines Haushaltsstreits scharfe Maßnahmen getroffen und das Kriegsrecht ausgerufen. Bereits nach wenigen Stunden hob Yoon das Kriegsrecht zwar wieder auf – dennoch entschied sich das Parlament dazu, ihn abzusetzen. Anfang April wurde seine Entmachtung dann vom Verfassungsgericht bestätigt.
Das Land hofft durch die vorgezogenen Wahl jetzt darauf, zur Stabilität zurückzufinden. Der konservative Kim hatte sich als einziges ehemaliges Kabinettsmitglied lange geweigert, sich für seine Rolle bei der Ausrufung des Kriegsrechts zu entschuldigen. Erst im Mai sagte er dann, es tue ihm gegenüber den Menschen „aufrichtig leid“, die unter der Ausrufung des Kriegsrechts „gelitten“ hätten. Lee tat sich hingegen noch am Abend der Verhängung des Kriegsrechts hervor, indem er in dem von der Armee umstellten Parlament eine Rede zur Verteidigung der Demokratie hielt.
Das neue Staatsoberhaupt muss nun nicht nur das gespaltene Land einen, sondern auch die durch die politische Krise geschwächte Wirtschaft stärken. Auch der Anstieg der Lebenshaltungskosten ist ein Thema. Nicht zuletzt muss Lee die Bedrohung meistern, die von dem mit Atomsprengköpfen ausgerüsteten Nordkorea ausgeht.