Zurück in die Heimat: Hunderttausende Menschen sind seit dem Sturz des Diktators Bashar al-Assad nach Syrien zurückgekehrt. © Khalil Hamra/dpa
Genf – Ein wenig ernüchternd war es schon: Anfang der Woche gab Syriens Tourismusministerium eine Direktive heraus, die es Frauen vorschreibt, an öffentlichen Stränden künftig „konservative Badeanzüge“ zu tragen. Heißt: Burkinis oder alles, was den Körper ganz bedeckt und die „moralischen Grundsätze“ wahrt. Immerhin: In Resorts und Pools bleibt „westliche Schwimmbekleidung“ vorerst erlaubt.
Die Nachricht erinnerte daran, dass mit dem Ende der Assad-Diktatur kein liberaler Frühling in dem ehemaligen Bürgerkriegsland angebrochen ist. Die Sicherheitslage ist leidlich stabil, Gewaltausbrüche gibt es immer wieder, 90 Prozent der Syrer bleiben auf humanitäre Hilfe angewiesen. Angesichts dessen mögen die Neuigkeiten des UN-Flüchtlingshilfswerks überraschen: Seit dem Umsturz vor rund sechs Monaten sind mehr als 1,7 Millionen Menschen in ihre Heimat zurückgekehrt. Bis zum Ende des Jahres könnten es 3,5 Millionen sein.
Die Zahl umfasst mehr als eine halbe Million Syrer, die ins Ausland – vor allem in Nachbarstaaten – geflüchtet waren, außerdem 1,2 Millionen Binnenvertriebene. UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi spricht von einem „Lichtblick“ – es ist nicht der einzige.
Laut dem neuen Weltflüchtlingsbericht der Vereinten Nationen kehrten 2024 insgesamt 9,8 Millionen Menschen in ihre Heimat zurück, 50 Prozent mehr als im Jahr davor. 1,6 Millionen davon waren zuvor vor Krieg oder Krisen ins Ausland geflüchtet, mehr Rückkehrer gab es in dieser Kategorie seit gut zwei Jahrzehnten nicht. Bei den restlichen 8,2 Millionen handelt es sich um Binnenvertriebene, die nun wieder in der Heimat sind, auch das ein Rekordwert.
Für viele Aufnahmeregionen und -länder, oft in direkter Nachbarschaft der Herkunftsstaaten, bedeuten die Rückkehrer-Zahlen Entlastung. Auch in Deutschland schürten einzelne Politiker die Erwartung, dass nach dem Machtwechsel in Damaskus eine große Ausreise-Welle starten könnte. Seit Mitte Januar gibt es bis zu 1000 Euro Startgeld für alle, die freiwillig zurückgehen. Nur: Einen spürbaren Effekt hatte das bisher nicht. Bis Ende Mai kehrten nicht einmal 500 Flüchtlinge nach Syrien zurück.
Überraschen muss das nicht. Umfragen – allerdings noch zu Assad-Zeiten durchgeführt – zeigen, dass ein Großteil der Bürgerkriegsflüchtlinge in Deutschland bleiben will. Das zeigt auch die hohe Zahl an Einbürgerungen von Syrern. Von den 291 955 Ausländern, die 2024 die deutsche Staatsbürgerschaft bekamen, stellten sie die mit Abstand größte Gruppe (83 150). Außerdem haben immer mehr Syrer eine feste Arbeit in Deutschland: Ende 2024 waren es knapp 240 000, zehn Prozent mehr als im Vorjahr.
Die knapp zwei Millionen Syrien-Rückkehrer haben allerdings einen Effekt auf die globalen Flucht-Zahlen. Der UN-Bericht zählt mit Stand Ende April 122 Millionen Vertriebene und damit kaum mehr als ein Jahr zuvor (120 Millionen). Anders ist das, wenn man die Jahreswerte nebeneinander legt. Verglichen mit dem Vorjahr wuchs die Zahl der Vertriebenen 2024 um sieben Millionen auf 123,2 Millionen Menschen an. Rund 60 Prozent sind Binnenflüchtlinge, ein Großteil des Rests lebt in Nachbarländern. Neuer Flucht-Hotspot ist der Sudan, wo der Machtkampf zwischen der Regierungsarmee und der Miliz RSF 14,3 Millionen Menschen in die Flucht getrieben hat.
Der Syrien-Effekt ist insofern eher kosmetischer Art. Die Vereinten Nationen warnen vor allem davor, dass sich die Flüchtlingskrisen verschärfen könnten, weil weltweit an Finanzhilfen gespart wird. Ins Gewicht fallen wohl vor allem die US-Kürzungen. Trotz der insgesamt verschärften Lage steht laut UN in etwa so viel staatliche humanitäre Hilfe zur Verfügung wie im Jahr 2015 – damals gab es allerdings nur halb so viele Geflüchtete wie heute. UN-Flüchtlingskommissar Grandi nennt die Entwicklung „verheerend“. MIT DPA/KNA