Beim Schimpfen auf die Bahn bleibt gern unerwähnt, dass Generationen von Verkehrsministern sie am ausgestreckten Arm verhungern lassen haben. Während Umgehungsstraßen, Autobahnen, Flughäfen entstanden, ist das Gleisnetz seit der Bahnreform 1994 um über zehn Prozent geschrumpft. Der Güterverkehr auf der Schiene hat sich zeitgleich fast verdoppelt, der Passagierverkehr um 50 Prozent zugelegt.
Der Brenner-Nordzulauf ist deshalb ein fälliger Schritt, weg von Blechlawinen und Luftverpestung. Er ist Teil von etwas Größerem: des Gleiskorridors von Skandinavien bis Sizilien. Damit diese Langstrecke attraktiv für Güter- und Passagierströme wird, darf sie nicht im Kompromiss-Kleinklein zerbröseln.Für die Anlieger ist dieses Jahrhundertprojekt eine Zumutung. Aber auch eine Chanceauf besseren Nahverkehr und Lärmschutz auf einer Trasse, auf die unweigerlich mehr Verkehr zurollt.
Der Brenner-Nordzulauf stärkt die Verkehrsinfrastruktur mehr als jede Umgehungsstraße, Autobahn, dritte Flughafenstartbahn. Es ist notwendig, Geld in die Hand zu nehmen, um die Belastungen vor Ort möglichst gering zu halten, dafür zu sorgen, dass es etwa im Inntal unterm Strich leiser statt lauter wird. Es ist notwendig, den Dialog mit den Betroffenen zu führen. Aber mit dem Ziel, ihn demokratisch abzuschließen, wenn alles gesagt ist. Und dann zu bauen.JOSEF.AMETSBICHLER@OVB.NET