Freudenfeiern in Berlin: Syrer feiern im Dezember 2024 den Sturz des Assad-Regimes. Seither sind nur wenige in ihre Heimat zurückgekehrt. © IMAGO
München – Sie jubelten, lachten, knipsten Fotos. Es waren Bilder der Vorfreude: Kaum war das Assad-Regime gestürzt, strömten tausende Syrer in Richtung Heimat, vollbepackt mit Taschen und Koffern. Im Netz kursierten Aufnahmen von nicht enden wollenden Staus vor türkisch-syrischen Grenzübergängen. Auch auf Deutschlands Straßen war die Euphorie zu spüren: Überall feierten Syrer das Ende der Terror-Herrschaft – während die Politik bereits über ihre Rückkehr diskutierte.
Das war im Dezember vergangenen Jahres. Seither sind laut UN-Angaben mehr als 500 000 Menschen nach Syrien zurückgekehrt. Sie kommen aus der Türkei, dem Libanon, Jordanien, Ägypten. Filippo Grandi, Chef des Flüchtlingshilfswerks UNHCR, sprach von einem „Zeichen der Hoffnung“. Blickt man jedoch auf die Zahlen hierzulande, zeigt sich ein anderes Bild: Laut einer Recherche von ARD und NDR sind gerade mal 4000 Syrer aus Deutschland zurückgekehrt – von rund einer Million, die hier leben. Was hält sie von der Rückkehr ab?
„Die humanitäre Krise in Syrien zählt weiterhin zu den schwersten weltweit“, sagt Mathis Wichmann vom UNHCR. Nach wie vor sei die Sicherheitslage „äußerst fragil“. Vor allem in der Provinz Suwaida im Süden des Landes eskaliert die Gewalt. Seit Wochen kämpfen dort die drusische Minderheit und sunnitische Stammesgruppen, inzwischen haben auch die Truppen der syrischen Übergangsregierung und das israelische Militär eingegriffen. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldet 1400 Tote.
Eine Rolle spielen aber nicht nur Sicherheitsbedenken – sondern vor allem auch die Frage, ob Syrer Deutschland überhaupt wieder verlassen wollen. Bereits bei einer Befragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) aus dem Jahr 2022 hatten 94 Prozent der syrischen Flüchtlinge angegeben, dauerhaft hier bleiben zu wollen. Die Forscher erklären: „Da ein Großteil der syrischen Geflüchteten bereits fünf Jahre oder länger, ein erheblicher Teil sogar rund ein Jahrzehnt in Deutschland lebt, wurde ihre Bindung an das Aufnahmeland gestärkt.“
Demnach hatten die meisten Syrer, die zwischen 2013 und 2019 nach Deutschland gekommen sind, sieben Jahre später einen festen Job. Laut dem IAB sind es bei den Männern 73 Prozent, bei Frauen 29 Prozent. Von ihnen sind wiederum drei Viertel qualifizierte Fachkräfte – etwa in den Bereichen Industrie, Verkehr und Logistik sowie im Gesundheits- und im sozialen Bereich.
Unter diesen Umständen dürfte auch die finanzielle Starthilfe für Rückkehrer auf wenig Interesse gestoßen sein: Seit Anfang des Jahres bezuschusst das Innenministerium die freiwillige Rückreise nach Syrien mit 1000 Euro pro Person – zudem werden die Reisekosten übernommen. Von den 4000 Syrien-Rückkehrern haben bislang allerdings nur knapp 1000 Menschen das Angebot angenommen.
Derweil befürworten laut einer Umfrage (infratest dimap) 52 Prozent der Deutschen eine schnelle Rückkehr schlecht integrierter Syrer. Ein Viertel wünscht, dass Syrer generell das Land wieder verlassen – unabhängig vom Grad ihrer Integration. Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) hat am Donnerstag noch mal beteuert, dass die Bundesregierung an Abschiebungen nach Syrien arbeite – offenbar steht das Ministerium längst auch in Kontakt mit der Übergangsregierung. Das sei „zwingend notwendig“, um dafür zu sorgen, dass, beginnend mit Straftätern, Leute zurückgeführt werden, die hier nicht bleiben können – und nicht bleiben sollten.