Israels Armeesprecher Schoschani zeigt auf die gelbe Linie des Abkommens. © Krogmann/KNA
Gaza – Seit zwei Jahren kämpfen Journalisten um freien Zugang zum Gazastreifen. Erfolglos: Wer das Kriegsgebiet betreten will, kann dies nur in Begleitung und unter Kontrolle der israelischen Armee. „Embedded“, eingebettet, heißt diese Form von Journalismus, die zu Recht kritisch gesehen wird. Die Armee bestimmt Zeit, Ort und Gesprächspartner, palästinensische Zivilisten kommen in solch einem geführten Setting nicht zu Wort.
Die Katholische Nachrichten-Agentur hatte die Möglichkeit, in diesem Rahmen knapp anderthalb Kilometer tief in den Gazastreifen zu fahren. Auf der Ladefläche eines Transporters geht es los von einer Militärbasis am Kibbuz Nahal Oz. „Militärisches Sperrgebiet“, warnen gelbe Schilder. Kaum fünf Minuten dauert die Fahrt vom Stützpunkt draußen durch den Grenzzaun zum Armeeposten im israelisch kontrollierten Teil des Gazastreifens.
Hinter dem Grenzzaun: Zerstörung, so weit das Auge reicht. Einst stand hier Shujaiyye, ein Viertel am östlichen Rand von Gaza-Stadt, vor dem Krieg Heim für rund 100 000 Menschen. Für Armeesprecher Nadav Schoschani ist die Zerstörung „Teil der Tragödie, die Hamas über die Region gebracht hat“. Schoschani weiter: „Wenn ein Tunnel fünf Kilometer lang ist und man sich um den Tunnel kümmern muss, was bedeutet, dass man diesen Tunnel sprengen muss, dann werden fünf Kilometer lange Häuserzeilen zerstört.“
Bis heute finde die Armee unter Shujaiyye Tunnel des weitverzweigten Hamasnetzes. Auch neue Waffenlager gehörten zu den Armeefunden, „ein klarer Verstoß gegen das Abkommen“. Die Hamas verstoße seit dessen Inkrafttreten „fast täglich“ und an manchen Tagen mehrfach gegen das Abkommen. Laut dem Waffenstillstandsabkommen bleiben die israelischen Soldaten in Sichtweite der sogenannten gelben Linie, der Rückzugslinie der Armee, und wachen darüber, dass kein Palästinenser unbefugt den von Israel kontrollierten Bereich östlich der Linie betritt. Wo genau die Linie inmitten des Trümmermeeres verläuft, ist mit dem Auge nicht erkennbar. An den Rändern des Gazastreifens habe man begonnen, gelbe Betonblöcke als Markierungen aufzustellen. Nicht so hier, bisher.
Auch Schoschani kann die Linie nur „ungefähr“ zeigen. Wie aber sollen Palästinenser zwischen den Trümmern wissen, wo diese Linie verläuft, wenn selbst vom erhöhten Aussichtspunkt der Armee die Bestimmung schwerfällt? Die Linie sei öffentlich bekannt gegeben worden, in Sozialen Medien und auf Flugblättern. Wer die Warnungen ignoriert, gilt als Gefährdung der Soldaten.
Elf Menschen einer Familie waren nach palästinensischen Angaben vor rund zwei Wochen in ihrem Bus durch israelischen Beschuss gestorben. Die Armee gab an, auf ein verdächtiges Fahrzeug geschossen zu haben, das besagte gelbe Linie überschritten habe. Der Tod von Zivilisten sei tragisch und „das letzte Mittel“, sagt Schoschani. Zuletzt am Mittwoch wurden laut Armee bei zwei separaten Zwischenfällen zwei Personen eliminiert, die die Linie überschritten hatten. Sie seien als Terroristen identifiziert worden.
Nach jüngsten Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums in Gaza sind seit Inkrafttreten des Waffenstillstandsabkommens am 11. Oktober 241 Palästinenser durch die israelische Armee getötet worden. Prüfen lassen sich die Angaben von keiner Seite. Seine Aufgabe liege darin, Journalisten sehen zu lassen, was die israelische Armee tue, und ihnen den Zugang zu gewähren, den die Armee habe, erklärt der Sprecher. Er werde weiterhin wöchentlich Reporter in den Gazastreifen bringen. Die Frage nach unabhängigem Zugang für Journalisten bleibt unbeantwortet.