WIE ICH ES SEHE

Der Rollator-Führerschein

von Redaktion

Wenn man jung ist, dann macht man gerne seine Späße über das Alter. Unendlich sind die Witze, in denen sich alte Menschen unterhalten über Dinge, die sie einmal hatten, an die sie sich aber nicht mehr richtig erinnern können. Wie viel Mut und kämpferischer Geist aber zu einem gelungenen Lebensabend gehören, davon wurde ich Zeuge, als ich in diesen Tagen in einem kleinen Großstadt-Café neben einer alten Dame und ihrem Sohn saß. Die beiden kamen gerade aus einem Sanitätshaus und der Sohn hatte Prospekte für einen Rollator mitgebracht. Nun pries er der Mutter eindringlich die Vorteile der verschiedenen Rollator-Modelle an. Sieh doch mal, der lässt sich auch ganz leicht zusammenklappen und ins Auto laden… Die alte Dame aber wollte partout keinen der angepriesenen Rollatoren. Vor Kurzem sei sie noch mit dem Fahrrad gefahren, meinte sie, und zog dabei auch mich ins Gespräch. Und jetzt Rollator – das sei ja zum Schämen. Ja, aber der Schwindel werde mehr, das gab sie zu, und dazu die Sorge vor dem Hinfallen.

Der Sohn schwärmt weiter von den Vorteilen des Rollators, an dem man sich festhalten und auf den man sich im Ernstfall sogar setzen kann.

Ich stehe ihm bei, berichte von einer über 95-jährigen Cousine, die sehr gut mit ihrem Rollator umgeht. In der Garage steht für sie dazu ein elektrisch fahrbarer Rollstuhl, um auszufahren.

Einen Rollstuhl brauche sie gottlob noch gar nicht, meint meine Nachbarin, und wenn eines Tages, dann sei der sicherlich auch viel zu teuer. Schon der Rollator kostet 650 Euro, von denen ihre private Krankenkasse gerade einmal 60 Euro bezahlen will. Mit dem Preisargument aber lässt sich der Sohn überhaupt nicht beeindrucken. Er ist schon auf dem Sprung zum Geldautomaten.

Die alte Dame bleibt stur. Der Sohn macht jetzt Druck. Er muss noch eine andere Besorgung erledigen, hätte sie einen Rollator, könnte die Mutter ja gut mit. So aber soll sie bitte im Café sitzen bleiben und auf seine Rückkehr warten. Sie kann sich in der Zeit mit mir unterhalten, dem nur wenig jüngeren Nachbarn.

Wir „Senioren“ sind uns schnell einig. Gemeinsam nehmen wir die rot-grüne Stadtpolitik aufs Korn. Die Straßen werden immer enger, die Radwege immer breiter und die Baustellen immer mehr. Autofahren, das können wir noch. Nur in der Stadt ist das fast unmöglich geworden. Das betreiben die Grünen-Stadträte und ist auch kein Problem, wenn man jung ist, Fahrrad fahren kann und vielleicht sogar die plötzlich überall herumstehenden Elektroroller zur Hilfe nimmt. Die aber sind für uns Ältere erst recht nicht zu empfehlen. So erweist sich die schöne neue Welt grüner Stadtpolitiker ohne Autos als ein Anschlag auf die Mobilität von uns Alten. Der Rollator-Führerschein langt uns nicht.

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