Zum Tiger wollte Europa auf seinem Brüsseler Ukraine-Gipfel werden. Am Ende hat es dann doch nur zum Papiertiger gereicht. Für die vom Kanzler geforderte Beschlagnahmung der eingefrorenen Russen-Milliarden fehlte den 27 Staatschefs der Mut (und manchen von ihnen der Wille). Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: Dank des dann doch beschlossenen 90-Milliarden-Kredits für Kiew müssen die Ukrainer die Friedensverhandlungen nicht mit dem Rücken zur Wand führen. Damit hat der Kanzler als Antreiber der Koalition der Willigen sein wichtigstes Ziel erreicht, wenn auch das Zeichen der Stärke, das Merz so gerne nach Moskau gesandt hätte, ausgeblieben ist.
Putin hat erneut auf seine Eskalationsdominanz gesetzt und damit seine Gegner mehr beeindruckt, als diese zugeben wollen. Einem Mann, der die Europäer als „Schweine“ tituliert, ist zuzutrauen, dass er auch den brutalen Morddrohungen gegen den belgischen Premierminister Taten folgen lässt. Entsprechend laut ist jetzt das Moskauer Sieggeheul gegen die angeblichen europäischen „Kriegstreiber“. Doch hat sich der Kreml verrechnet, wenn er hoffte, dass die Europäer vor Beginn des fünften Kriegsjahres erschöpft aufgeben würden. Dass 24 von 27 EU-Ländern gemeinsam die gigantische Schuldenlast von 90 Milliarden für die europäische Sicherheit stemmen, wäre vor Kurzem noch undenkbar gewesen. Damit steigen für Putin die Kosten für die Fortsetzung des Krieges – erst recht, weil unter der Hand auch die USA jenseits der harten Rhetorik Trumps ihre Mittel für die Ukraine diskret aufstocken.
So erbarmungslos Putin seine Schläge gegen die Menschen in der Ukraine auch über Weihnachten fortsetzen mag: Von seinem Ziel eines Zusammenbruchs des überfallenen Landes ist Russlands Präsident weit entfernt, auch wenn er sich gestern bei seiner alljährlichen Propagandashow im Kreml unbeirrt gab. Seine Kriegskasse leert sich auch wegen des beschleunigten Verfalls der Ölpreise. Ob all das dazu führt, dass die russische Seite sich bei den Verhandlungen am Wochenende in Miami etwas flexibler zeigt als bisher, wird man sehen. Nach der nervenaufreibenden europäischen Gipfelwoche um den deutschen Hauptakteur Friedrich Merz heißt es ab sofort wieder: alle Augen auf Trump. GEORG.ANASTASIADIS@OVB.NET