Gute Stimmung unter Konkurrenten: Manuel Hagel (CDU) tritt gegen Cem Özdemir (Grüne) an. © Weißbrod/dpa
Stuttgart – Vielleicht liegt es an der besinnlichen Weihnachtsruhe, vielleicht an der politischen Winterpause. Aber ein Blick durch die baden-württembergische Landeshauptstadt lässt nicht erkennen, dass in gut zwei Monaten, am 8. März, die Landtagswahl ansteht. Keine Wahlkampfstände, keine Wahlplakate.
Im Stuttgarter Westen – traditionell ein tiefgrüner Stadtbezirk – lädt lediglich die SPD mit kleinen Plakaten zum politischen Neujahresempfang. Unterstützung bekommt die SPD-Kandidatin Hanna Binder von Hubertus Heil – einstiger Bundesminister, mittlerweile einfacher Bundestagsabgeordneter aus Niedersachsen. In Umfragen bei rund zehn Prozent scheinen die Sozialdemokraten ihre Ressourcen für aussichtsreichere Wahlen zu sparen.
Aber auch die Grünen, die 2016 in Stuttgart-West 44,4 Prozent, 2021 atemberaubende 47 Prozent erzielt haben, verhalten sich im Viertel verdächtig ruhig. Großer Wahlkampfgeist ist nirgends zu spüren. Manch ein Grüner in Berlin spricht von einem absichtlichen bundesweiten Füßestillhalten, um dem Spitzenkandidaten nicht den Wahlkampf zu verhageln.
Doch die Ruhe trügt, denn für viele geht es um mehr als nur eine Landtagswahl. Cem Özdemir etwa hat extra seine bundespolitische Karriere aufgegeben. Als nächster Ministerpräsident will er in die Riesenfußstapfen von Politurgestein Winfried Kretschmann (77) treten.
Auf seinen Sozialen Medien gibt sich Özdemir nahbar, beim Bingospielen in einem Seniorenheim, mit VfB-Trikot und Butterbrezel (ja, im Ländle heißt es Brezel); sein Schwäbisch: unverkennbar. Mitten im Weihnachtstrubel am 21. Dezember hat Özdemir in seinen 60. Geburtstag hereingefeiert. Zum Anstoßen kam sogar der bei der jungen Generation bekannte, ebenfalls türkischstämmige Rapper Haftbefehl.
Als er Mitte Dezember der Union vorwirft, beim Thema Schulden der Bevölkerung „rotzfrech ins Gesicht gelogen“ zu haben, blitzt zwar ein bisschen Wahlkampf auf. Doch so richtig loszugehen scheint es für Özdemir erst nächstes Jahr – 2Ö26 – wie die Grünen es nennen. Dann tourt er von Esslingen über Schwäbisch Hall nach Böblingen.
Das Gesamtpaket „Özdemir“ kommt bei den Wählern zwar gut an. Denn würde man den Ministerpräsidenten direkt wählen, wäre er laut einer Insa-Umfrage mit 29 Prozent klarer Spitzenreiter vor dem CDU-Kandidaten Manuel Hagel mit lediglich neun Prozent.
Doch seine Grünen liegen mit 20 Prozent neun Prozentpunkte hinter der CDU. Und Hagel bekommt für seinen Wahlkampf Unterstützung vom Kanzler höchstpersönlich. Mitte Januar tritt Friedrich Merz mit ihm nahe Heilbronn auf. Auch CSU-Chef Markus Söder gewährt Hagel (37) bereits Schützenhilfe, preist ihn als „echte Verjüngung“ für Baden-Württemberg an.
Doch eines dürfte Söder nicht gefallen: Sollte Hagel neuer Ministerpräsident werden, geht es, Stand jetzt, nicht ohne die Grünen. Eine Zusammenarbeit mit der AfD, die in Umfragen bei rund 21 Prozent steht, ist ausgeschlossen. „Die AfD kostümiert sich nur konservativ, und das ganz schön plump“, sagt Hagel der „Zeit“. „Sie will alles zerstören, was wir an unserem Land lieben.“
Die Ampel-Koalition und ihr unschönes Ende scheint bei vielen Wählern hier noch immer nachzuklingen. Denn die FDP kämpft sogar im Land ihrer einstigen Stammwähler ums politische Überleben. Die Liberalen hangeln sich auch bei dieser Landtagswahl an den fünf Prozent entlang. Bei ihrem traditionellen Dreikönigstreffen in Stuttgart wird die Partei so richtig für das große Wahljahr eingestimmt. Es ist auch eine Feuerprobe für den neuen FDP-Bundesvorsitzenden Christian Dürr, der Christian Lindner beerbt hat und einen Wahlerfolg dringend braucht. Für sich, für seine Partei.
Auch die Linke dürfte mit Spannung auf diese Landtagswahl blicken. Sie könnte erstmals in den Landtag in Stuttgart einziehen – zumindest sehen die sieben Prozent in Umfragen danach aus.
Richtig Aufschluss dürften aktuellere Umfragen im nächsten Jahr bringen – wenn der Wahlkampf dann auch mal so richtig losgegangen ist.