Chaos vor dem Dom: In der Silvesternacht auf 2016. © dpa
Köln – Die körnigen Bilder gingen um die Welt: im Vordergrund junge, dunkelhaarige Männer, vor ihnen Rauch und explodierende Feuerwerkskörper, im Hintergrund die Portale, Fenster und Bögen des Kölner Doms. Der Platz zwischen Kathedrale und Hauptbahnhof war in der Silvesternacht 2015/16 Schauplatz sexueller Übergriffe auf Frauen.
Der Kriminalpsychologe Rudolf Egg hat für den nordrhein-westfälischen Landtag mehr als 1000 Anzeigen aus der Kölner Silvesternacht ausgewertet und ein Gutachten erstellt. Er ist sich sicher: „Ein solches Geschehen hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben, auch nicht in einem anderen europäischen Staat.“ Die Anzeigen ergäben in der Zusammenschau ein verblüffend einheitliches Bild, berichtet Egg. „Die Frauen empfanden einen Zustand völliger Hilflosigkeit, weil die Polizei entweder gar nicht da war oder nicht eingriff. Sie gaben auch übereinstimmend an, dass sie die Täter gar nicht richtig beschreiben könnten, weil alles so schnell gegangen sei.“ Beides zusammen habe den besonderen Schrecken der Situation ausgemacht: die sexuelle Belästigung in Kombination mit dem Bewusstsein „Ich bin hier ganz allein auf mich gestellt, mir hilft hier keiner“.
Den Ablauf des Geschehens rekonstruierte Egg so: Die Frauen trafen am Silvesterabend im Kölner Hauptbahnhof ein, um in der Stadt zu feiern. „Eine Frau berichtete zum Beispiel, dass sie mit zwei Freundinnen über den Bahnhofsvorplatz gegangen sei.“ Plötzlich, so schilderte es die Frau laut Egg, „wurden sie von hinten begrapscht, und als sie sich umdrehten, blickten sie in die grinsenden Gesichter mehrerer junger Männer mit südländischem Aussehen“.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Köln gab es 1210 Strafanzeigen, von denen sich 511 auf sexuelle Übergriffe bezogen. Angeklagt wurden letztlich 46 Personen, von denen 36 verurteilt wurden – nur zwei wegen sexueller Nötigung. Der Großteil der Beschuldigten kam aus Nordafrika, vor allem aus Algerien und Marokko – nicht aus Syrien. Die Kölner Polizei habe das Ausmaß der Übergriffe zunächst nicht öffentlich gemacht.
„Die Stimmung im Land, die vorher von der Willkommenskultur geprägt war, hat sich gedreht und pauschalisierend gegen Migranten gerichtet“, sagt Egg. Immer wieder wurde die Kölner Silvesternacht als das Ende der deutschen Willkommenskultur beschrieben. Doch Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass sich ein so radikaler Umschwung nicht durch Zahlen belegen lässt. „Wenn man sich die Sonntagsfrage von 2020 bis 2022 anschaut: Da lag die AfD die meiste Zeit zwischen 9 und 11 Prozent. Der wirkliche Zuwachs fand erst hinterher statt, als der lange Sommer der Migration und die Kölner Silvesternacht schon lange zurücklagen“, sagt etwa der Soziologe Steffen Mau.