KOMMENTAR

Mini-Entlastungen, die keiner wirklich spürt

von Redaktion

Mehr Netto für Arbeitnehmer?

Höhere Freibeträge, mehr Pendlerpauschale, Ausgleich der kalten Progression, mehr Kindergeld und vielleicht bald steuerfreie Überstunden: Schwarz-Rot will Arbeitnehmer 2026 mit einem ganzen Strauß an Maßnahmen entlasten. „Leistung und Anstrengung müssen sich auszahlen“, hat sich die Bundesregierung völlig zu Recht in den Koalitionsvertrag geschrieben. Schaut man sich die Maßnahmen aber genauer an, ist es wie beim Scheinriesen Tur Tur aus dem Lummerland: Nähert man sich ihm, schrumpelt er bedenklich in sich zusammen.

Die Anhebung der Freibeträge und der Ausgleich der kalten Progression wird zum Beispiel größtenteils von Belastungen wie steigender Kosten für die Krankenkassen aufgefressen. Ähnlich ist es mit der Pendlerpauschale, der höhere CO₂-Preise gegenüberstehen. Laut Ökonomen bleiben den meisten Haushalten deshalb 2026 insgesamt nur wenige Euro mehr pro Monat – vor Inflation. Wer mehr als 70 000 Euro im Jahr verdient, kann unter Umständen sogar weniger im Geldbeutel haben. Auch die geplante Steuerfreiheit für Überstunden ändert das nicht, weil sie gar nicht für den ganzen Stundenlohn, sondern nur für den Zuschlag gelten soll. Am Ende bringt sie im Schnitt wohl nur ein Gehaltsplus von wenigen Cent im Monat.

Anfang 2025 hatte Kanzler Friedrich Merz versprochen, dass die Menschen schon im Sommer spüren werden: „Es geht voran!“ Auch die arbeitende Mitte hofft seither auf beherzte Reformen, die nicht nur die Wirtschaft anschieben, sondern auch den 42 Millionen Angestellten mehr Netto vom Brutto verschaffen. Das ist bisher nicht passiert. Will die Bundesregierung ihr Versprechen 2026 einlösen, reicht es nicht, an kleinen Stellschrauben herumzujustieren, wie sie es im letzten Jahr getan hat. Sie muss die Probleme bei Rente, Pflege und im Gesundheitssystem endlich beherzt anpacken und Spürbares liefern. ANDREAS.HOESS@OVB.NET

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