Demonstranten protestieren in Teheran gegen die schlechten wirtschaftlichen Bedingungen. US-Präsident Trump droht der Führung im Iran. © dpa
Teheran/Washington – In der wuseligen Hauptstadt Teheran, dem politischen und wirtschaftlichen Zentrum des Iran, sorgen sich viele Bewohner seit Jahren um ihre Zukunft. „Das Land hat eigentlich genügend Einnahmen, aber sie kommen nicht bei den Menschen an“, sagt Mortesa (37), ein Fitnesstrainer.
Auch Mila (36), Lehrerin, spürt Hoffnungslosigkeit. „Wie bei meinen Freunden und Kollegen ist meine Lage schlecht. Der Alltag ist schwer zu ertragen, Freizeit und Reisen sind kaum möglich“, sagt sie. Selbst eigentlich wohlhabende Händler klagen inzwischen. Mohammad-Dschawad (43), der im großen Basar von Teheran einen Schmuckladen betreibt, hat sein Geschäft am vergangenen Sonntag geschlossen. „Wir wissen einfach nicht mehr, welche Preise wir festlegen sollen.“ Bei den Schwankungen am Devisenmarkt müsse er stündlich Korrekturen vornehmen.
Den sechsten Tag in Folge gehen im Iran wieder Menschen auf die Straße. Es ist die größte Protestwelle seit den landesweiten Aufständen unter dem Motto „Frau, Leben, Freiheit“ vor rund drei Jahren. Ausgelöst wurden die aktuellen Proteste durch einen plötzlichen Einbruch der Devisenkurse am vergangenen Sonntag. Spontan zogen vor allem Händler durch die Straßen Teherans. Inzwischen erfassen die Demonstrationen auch andere Landesteile und Bevölkerungsschichten. Die Unzufriedenheit im Land wächst seit Jahren, befeuert durch fehlende Perspektiven, wirtschaftliche Not, Klimakrise und politische Repression.
Augenzeugen berichteten über ein massives Aufgebot von Sicherheitskräften, die in den Metropolen einrückten und an wichtigen Verkehrsknoten Stellung bezogen. Währenddessen ging der Staat in den Provinzen mit absoluter Härte gegen die Proteste vor. Vor allem in den ländlichen Regionen kam es seit Mittwochabend zu dramatischen Szenen und Straßenschlachten zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. Mindestens sieben Menschen kamen bei den Konfrontationen ums Leben.
Jetzt hat sich US-Präsident Donald Trump eingeschaltet und mit einem Eingreifen gedroht. Wenn der Iran friedliche Demonstranten töte, „werden die Vereinigten Staaten von Amerika ihnen zu Hilfe kommen“, schrieb der Republikaner auf seiner Online-Plattform Truth Social. Was er konkret vorhat, ließ der US-Präsident offen.
Eine harsche Reaktion aus dem Iran folgte prompt – digital. „Trump sollte wissen, dass eine Einmischung der USA in diese innere Angelegenheit die gesamte Region destabilisieren würde“, schrieb Ali Laridschani, Generalsekretär des iranischen Sicherheitsrats, auf der Plattform X. Ali Schamchani, ein ranghoher Berater der Staatsführung, warnte ebenfalls auf X mit drastischen Worten: Jede eingreifende Hand, die sich unter dem Vorwand der Sicherheit nähere, werde abgeschnitten.
Noch ist offen, wie sich die Proteste weiter entwickeln und wie viele Menschen sich den Demonstrationen in dem Land mit knapp 90 Millionen Einwohnern anschließen. „Unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung ist es keiner der Oppositionsfraktionen bislang gelungen, schlagkräftige Organisationen oder dauerhafte Netzwerke aufzubauen, die die Proteste lenken könnten“, schreibt der Historiker Arash Azizi in einem Gastbeitrag für das US-Magazin „The Atlantic“. „Ohne eine solche Ausrichtung dürften die aktuellen Proteste an Schwung verlieren und im Sande verlaufen.“
Sollten sie jedoch anhalten, sei es deutlich wahrscheinlicher, „dass Akteure aus den Reihen des Regimes selbst die Initiative ergreifen“ und dem obersten Führer Ajatollah Ali Chamenei die Macht entreißen, schreibt Azizi.
Die aktuellen Unruhen seien „wie Feuer unter der Asche“, sagt ein iranischer Professor, der anonym bleiben möchte. „Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie ausbrechen.“ Seiner Ansicht nach handelt es sich längst nicht mehr um reine Wirtschaftsproteste.