Harmonie im Klosterhof: Friedrich Merz und Markus Söder, dazwischen Landesgruppenchef Alexander Hoffmann. © dpa
Seeon – Vor einem Jahr herrschte hier noch glucksende Aufbruchlaune. Eine riesige Digitaluhr zählte im Januar 2025 die Minuten bis zum Wahlabend herunter. Abgeordnete eilten aufgeregt über die Flure, tuschelten über künftige Regierungsposten nach dem Ampel-Aus. Draußen im Klosterhof machte Markus Söder Späßchen über die bunten Winterjacken seiner Parteifreunde. Freude und Frotzeleien im Frost, das scheint ewig her zu sein. Über Seeon 2026 liegt bleierner Ernst.
Es ist der Lage geschuldet. Die Welt brennt, die Wirtschaft lahmt, die versprochene deutsche Reformpolitik stockt. „Obwohl das Jahr erst eine Woche alt ist“, so hebt Friedrich Merz an, und es klingt nach einem Stoßseufzer. Der Kanzler und CDU-Vorsitzende lässt sich trotz Winterwetter für einen Blitzauftritt nach Oberbayern fliegen, er weiß, wie groß die bundesweite Aufmerksamkeit für die rituelle CSU-Klausur ist. In Seeon gibt er ein Versprechen ab: Er werde alles tun, damit es 2026 besser läuft als in seinen ersten Amtsmonaten, und damit die Welt nicht noch mehr aus den Fugen gerät.
Für Merz‘ nüchterne Verhältnisse klingt es fast feierlich, nach einem Gelübde. „Ich möchte der Bevölkerung sagen: Sie kann sich drauf verlassen, dass ich alles tun werde, um Frieden und Freiheit auf dem Kontinent zu erhalten.“ Und zur Innenpolitik: „Wir müssen Strukturen aufbrechen, unsere strukturelle Wachstumsschwäche überwinden.“
In Seeon setzt Merz außerdem seinen Kurs fort, die Menschen langsam auf einen Bundeswehr-Einsatz für eine langfristige Absicherung der Ukraine einzustimmen – immer mit dem Hinweis: Dauert noch einige Zeit. „Niemand ist der Meinung, dass wir in die Ukraine gehen sollten, um in einen laufenden Konflikt einzugreifen.“ Aber nach einem Waffenstillstand, falls Russland je zustimmen werde, müsse man die Ukraine weiter unterstützen. Es werde dann einen Beschluss der Bundesregierung brauchen, ein Mandat des Bundestages – „aber davon sind wir noch weit entfernt“.
Auffällig: Aus der CSU kommt kein Widerwort. „Wir werden den Kurs unterstützen, den der Bundeskanzler erreicht“, sagt Söder klar. Eine rote Linie nur zieht er, aber die ist rechtlich eh klar: keine Wehrdienstleistenden sollen für den Einsatz verpflichtet werden. Söder betont ungeahnt demütig und ohne kleine ironische Details Merz’ Welt-Rolle. „Du bist die Stimme Europas. Du bis unser Trumpf bei Trump.“
Der neue Ernst der CSU: Hinter den Kulissen sagen viele Christsoziale, erste Reihe bis hin zum einfachen Abgeordneten, wie entscheidend 2026 für die Koalition insgesamt werde. Und dass noch immer ein klares Rezept gegen die AfD fehle. Das werde „das herausforderndste Jahr für diese Koalition werden“, sagt Landesgruppenchef Alexander Hoffmann. Die Stimmung bundesweit sei „extrem gedrückt“, räumt auch Söder ein, die Union müsse raus aus dem demoskopischen Tief.
Neue Umfragen sind allerdings durchwachsen. Im ARD-Deutschlandtrend sagen nur noch 20 Prozent, sie seien mit der Regierung zufrieden. Unzufrieden: 78 Prozent. Die Verunsicherung ist groß, auch mit Blick auf die Weltlage. Nur noch 15 Prozent der Befragten halten die USA für einen verlässlichen Partner. Über Frankreich sagen das 78, über die Ukraine 40, über Russland neun Prozent.
Auch die Sonntagsfrage ist für die Koalition nicht einfach. Die Union kommt hier in den Daten von Infratest dimap zwar auf 28 Prozent, Partner SPD aber nur noch auf 13. Weitere Werte: AfD 25, Grüne 12, Linke 10, BSW 3 und FDP 3. Söder äußert sich in Seeon sogar fast fürsorglich über die Sozialdemokraten. Man wolle „der SPD ein bisschen auch mithelfen, dass sie wieder eine Arbeitnehmerpartei wird“.