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Gesundheit: Söder macht sich unbeliebt

von Redaktion

„Zu viele Krankmeldungen“

Wie die Katze um den heißen Brei schleicht die deutsche Politik um die explodierenden Gesundheitskosten im Land herum. Die Sorge, sich bei den Wählern einen üblen Schiefer einzuziehen, ist verständlich. Und der Kanzler hat mit Putin, Trump und seinen Kumpeln in der Koalition schon genug Ärger am Hals, als dass er sich noch einen weiteren Mühlstein um den Hals binden möchte. Zur Chefsache will er die Gesundheitspolitik nicht machen. Doch muss den Deutschen endlich einer sagen, dass es so nicht weitergehen kann. Gut, dass ausgerechnet CSU-Chef Markus Söder sich diese Woche endlich ein Herz fasste, auch wenn das den bayerischen Social-Media-König ein paar Beliebtheitspunkte kosten könnte: Auf der Landesgruppenklausur in Seeon ließ er die Forderung nach einem Ende der telefonischen Krankschreibung beschließen. In einem Zeitungsinterview ging er sogar noch weiter und verlangte die Einführung von Karenztagen. Arbeitnehmer sollen demnach nicht vom ersten Krankheitstag an ihren (vollen) Lohn weiterbeziehen.

Das ist überfällig, denn wie man es auch dreht und wendet: Die Deutschen arbeiten im europäischen Durchschnitt zu wenig (fast ein Zehntel weniger als die Schweizer), haben die weltweit höchsten erfassten (und weiter steigenden) Krankenstände und die großzügigsten Lohnfortzahlungsregelungen. Im Schnitt 21 Tage bleibt jeder Beschäftigte im Jahr mehr oder weniger krank daheim, besonders gern am Freitag. Allianz-Chef Bäte verleiht uns Bundesbürgern dafür den Schmähpreis „Weltmeister bei den Krankmeldungen“. Gleichzeitig drohen weiter steigende Krankenkassenbeiträge. Und obwohl unser Gesundheitssystem zu den weltweit teuersten zählt, steigt die Lebenserwartung in Deutschland langsamer als in anderen europäischen Ländern.

Das passt alles nicht zusammen. Vor allem passt es nicht zur Krise der Wirtschaft. Deutsche Betriebe kosten Krankheitsfehlzeiten im Jahr 134 Milliarden Euro. Ein Luxus, den man sich im Wirtschaftswunderland noch leisten konnte, jetzt aber nicht mehr. Auch wenn‘s ihn nervt: Der Kanzler wird, wenn er den Aufschwung nicht gleich in die nächste Legislatur verschieben will, darüber schnell ein ernstes Wörtchen mit seinen Freunden von der SPD reden müssen. GEORG.ANASTASIADIS@OVB.NET

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