München – Der Wecker klingelt, der Hals kratzt – doch eigentlich wäre Arbeiten möglich. Trotzdem bleiben viele Beschäftigte zu Hause. Eine neue Umfrage der Krankenkasse Pronova BKK zeigt: 60 Prozent der befragten Versicherten melden sich zumindest gelegentlich krank, obwohl sie eigentlich arbeitsfähig wären. Der Entschluss dazu fällt oft in einem flüchtigen Moment am Morgen: auf der Bettkante.
Sieben Prozent der insgesamt 1230 Studienteilnehmer geben an, sich in diesen Situationen häufig für die Krankmeldung zu entscheiden, 22 Prozent tun dies manchmal, 31 Prozent selten und 36 Prozent nie. Auffällig sind die Unterschiede zwischen den Altersgruppen: Je jünger die Beschäftigten, desto häufiger fällt die Bettkantenentscheidung zugunsten des Zu-Hause-Bleibens aus. Unter den 18- bis 29-Jährigen gaben elf Prozent an, sich häufig krankzumelden, obwohl sie sich eigentlich fit fühlen. Bei den über 60-Jährigen lag dieser Anteil bei nur drei Prozent.
„Wenn die Krankmeldung dazu dient, bei psychischer Überlastung oder körperlichen Beschwerden rechtzeitig zu handeln und wieder gesund zu werden, dann ist sie ein Ausdruck wachsenden Gesundheitsbewusstseins und eine legitime sowie wertvolle Strategie der Selbstfürsorge“, sagt Pronova-BKK-Expertin Patrizia Thamm. Häufig spielten jedoch auch persönliche Gründe eine Rolle.
Hoher Krankenstand: Karenztage als Lösung?
Die Zahlen liefern neuen Stoff für eine laufende politische Debatte: Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte bei der CSU-Klausur im Kloster Seeon vorgeschlagen, sogenannte Karenztage einzuführen – also Tage zu Beginn einer Erkrankung, an denen kein sofortiger Anspruch auf Lohnfortzahlung besteht. Ziel sei es, Fehlanreize zu vermeiden und den Krankenstand zu senken (wir berichteten). In Deutschland müsse mehr gearbeitet werden. „Das gilt in der Woche, das gilt im Jahr.“ Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) sieht den hohen Krankenstand ebenfalls kritisch, will aber zunächst bei den aktuellen Regeln bleiben. Söder fordert hingegen, die skandinavischen Länder zum Vorbild zu nehmen.
Kritiker des hohen Krankenstands in Deutschland verweisen dabei häufig auf das schwedische Modell. Dort gibt es die Möglichkeit einer sogenannten Teil-Krankschreibung: Ärzte können eine Arbeitsunfähigkeit in Abstufungen von 25, 50, 75 oder 100 Prozent bescheinigen. Zudem erhalten Arbeitnehmer am ersten Krankheitstag kein Gehalt, ab dem zweiten Tag ersetzt der Arbeitgeber 80 Prozent des Lohns. Ab dem 15. Fehltag übernimmt die Krankenkasse die Zahlungen. Die Folge sind niedrigere Krankenstände: Im Durchschnitt kommen Beschäftigte in Schweden laut einer OECD-Auswertung auf 11,4 bezahlte Krankheitstage pro Jahr – in Deutschland sind es mehr als 20.
Die SPD lehnt die Einführung von Karenztagen jedoch bislang entschieden ab. Karl Lauterbach, damals noch Bundesgesundheitsminister, sagte Anfang vergangenen Jahres, Blaumachen spiele in der Praxis „kaum eine Rolle“ und erkläre auch nicht, warum Deutschland einen hohen Krankenstand habe. Dies sei auf Langzeiterkrankte, etwa mit Herz-Kreislauf-Problemen, zurückzuführen. Ein Karenztag würde lediglich dazu führen, dass sich Beschäftigte krank zur Arbeit schleppten.
Viele arbeiten trotz akuter Symptome
Die Umfrage der Pronova BKK zeigt, dass dies bereits der Fall ist: Viele Beschäftigte arbeiten, obwohl der Körper eine Pause bräuchte. 15 Prozent geben an, sich trotz Bronchitis oder eines grippalen Infekts zur Arbeit zu zwingen – ebenso viele würden bei einem positiven Coronatest mit milden Symptomen ins Büro kommen. 19 Prozent geben an, sich auch bei einem ansteckenden Infekt mit Symptomen nicht krankzumelden. Bei leichteren Beschwerden wie Erkältung oder Magenproblemen steigt der Anteil auf 35 Prozent, bei Rückenschmerzen auf 45.