6000 Wohnblocks in Kiew sind ohne Strom. © Lukatsky/dpa
Kiew – Nach dem schweren russischen Luftangriff auf Kiew hat Bürgermeister Vitali Klitschko den Einwohnern zum Verlassen der Dreimillionenstadt geraten. 6000 Wohnblocks, die Hälfte der Mehrfamilienhäuser der Hauptstadt, könnten derzeit nicht beheizt werden, teilte Klitschko mit. „Die städtischen Dienste arbeiten im Notfallmodus.“
Der nächtliche Angriff sei für die Infrastruktur von Kiew der bislang folgenschwerste gewesen. Die Lage werde durch den strengen Winter verschärft. Wer anderswo Energie und Wärme finden könne, sollte die Stadt vorübergehend verlassen, erklärte Klitschko. Dies war kein offizieller Aufruf zur Evakuierung, sondern als Ratschlag gemeint.
In Kiew und im Umland waren nach Angaben des Energieministeriums am Freitagmorgen etwa 500 000 Verbrauchsstellen ohne Strom. Nach Zählung der ukrainischen Luftwaffe hatte die russische Armee Kiew mit mehr als 200 Drohnen sowie Dutzenden Raketen und Marschflugkörpern attackiert. Dabei wurden mindestens vier Menschen getötet.
Zum zweiten Mal haben die russischen Streitkräfte zudem die moderne Mittelstreckenrakete Oreschnik eingesetzt. Nach Angaben aus Kiew wurde die Rakete auf die westliche Stadt Lwiw abgefeuert. In der Nacht zum Freitag hätten die russischen Streitkräfte mithilfe der Rakete Oreschnik „strategische Ziele“ angegriffen, hieß es aus Moskau.
Die Bundesregierung verurteilte das russische Vorgehen. „Russland hat mit seinem Einsatz der Mittelstreckenrakete gegen zivile ukrainische Energieinfrastruktur in Lwiw nochmals eskaliert“, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Steffen Meyer. „Es sind symbolische Drohgebärden, die Angst machen sollen, aber nicht wirken. Dafür ist das russische Verhalten an dieser Stelle zu durchsichtig.“ Der Abschuss sei „eskalierend und inakzeptabel“, erklärte eine britische Regierungssprecherin.
Nach Angaben des russischen Ministeriums war der Einsatz eine Vergeltungsaktion für die angebliche Attacke auf die Residenz von Kremlchef Wladimir Putin im nordrussischen Waldai kurz vor dem Jahreswechsel. Der Kreml hatte damals von einem versuchten Terroranschlag gesprochen, auch US-Präsident Donald Trump hatte – von Putin per Telefon informiert – einen solchen Schlag kritisiert. Die Ukraine ihrerseits hat dementiert, dass sie überhaupt einen Angriff auf die Residenz lanciert hat. Experten bezweifeln die Glaubwürdigkeit der von Russland vorgelegten Informationen.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte nach den schweren russischen Angriffen in der Nacht eine internationale Reaktion. „Es ist eine klare Reaktion der Welt nötig, insbesondere der USA, auf die Russland tatsächlich achtet“, forderte er.