Zwei Welten: Während Merz mit Ehefrau Charlotte (li.) noch bei Ilse Aigners CSU-Kreisverband zu Gast ist, rollen Arbeiter in Indien die Plakate für seinen Besuch aus. © T. PLETTENBERG/dpa
Gmund – Wenn ein CSU-Kreisverband einen Neujahrsempfang abhält, kommt in der Regel nicht zwingend der Bundeskanzler. Es kann allerdings helfen, wenn Deutschlands wichtigster Politiker von der Schwesterpartei ist, ums Eck selbst ein Haus besitzt und mit der örtlichen Stimmkreisabgeordneten Ilse Aigner (CSU) ein freundschaftliches Verhältnis pflegt. Und so kam es, dass am Sonntag tatsächlich Kanzler Friedrich Merz (CDU) bei der CSU Miesbach auf Gut Kaltenbrunn am Tegernsee (Landkreis Miesbach) ein paar Worte sagte. Frieden und Freiheit stärken, raus aus der Wachstumsschwäche, und Freihandelszonen wie das gerade besiegelte Mercosur-Abkommen mit südamerikanischen Ländern als Antwort auf eine veränderte US-Politik. „Deswegen fliege ich heute nach Indien und werde mit dem größten Land der Welt versuchen, ein ähnliches Abkommen zu Wege zu bringen“, sagte Merz. Danach ging’s weiter zum Flieger.
Nicht China also, und auch nicht Japan. Als Ziel seiner ersten größeren Asienreise hat sich Merz anders als seine Vorgänger Indien ausgesucht. Am frühen Sonntagnachmittag ist er von München aus zu einem zweitägigen Besuch in dem mit mehr als 1,4 Milliarden Einwohnern bevölkerungsreichsten Land der Welt aufgebrochen.
Der indische Ministerpräsident Narendra Modi bedankt sich für die ungewöhnliche Vorzugsbehandlung mit einer besonderen und sehr seltenen Geste der Wertschätzung: Er empfängt Merz am Montag in Ahmedabad in seiner Heimatregion Gujarat, zeigt ihm dort eine ehemalige Wirkungsstätte des Nationalhelden Mahatma Gandhi und das traditionelle Drachen-Festival am Sabarmati-Fluss. Die üblichen politischen Gespräche dürfen natürlich auch nicht fehlen.
Am Dienstag geht es weiter nach Bengaluru, früher Bangalore, das Zentrum der indischen Hightech-Industrie. Dort steht die wirtschaftliche Zusammenarbeit der beiden Länder im Mittelpunkt. Merz wird erstmals von einer großen Wirtschaftsdelegation begleitet, der mehr als 23 Manager von großen und mittelständischen deutschen Unternehmen angehören, darunter Siemens, Airbus Defence and Space und Thyssenkrupp Marine Systems.
Der Kanzler hat in den ersten acht Monaten seiner Amtszeit vor allem die Bündnispartner in Europa und Nordamerika besucht. Jetzt will er sich verstärkt anderen Weltregionen widmen. Im November war er beim G20- und EU-Afrika-Gipfel in Südafrika und Angola und davor beim Weltklimagipfel in Brasilien.
Es ist bemerkenswert, dass Merz Indien noch vor China als wichtigstem Absatzmarkt der deutschen Wirtschaft in Asien und vor Japan als einzigem asiatischen Partner in der G7-Gruppe demokratischer Wirtschaftsmächte besucht. Seine Vorgänger haben das bei ihren ersten Asien-Reisen anders gemacht. Olaf Scholz (SPD) war zuerst in Japan, dann in China und erst ein Jahr nach seinem Amtsantritt in Indien. Angela Merkel (CDU) und Gerhard Schröder (SPD) begannen ihre Asien-Diplomatie mit Doppelbesuchen in Japan und China: Schröder war erst in Tokio und flog von dort aus nach China. Merkel machte es umgekehrt. Indien war bei beiden die Nummer drei.
Dass Merz das Land nun zur Nummer eins macht, hat vor allem mit dem aktuellen Umbruch der Weltordnung zu tun. Auf bewährte Allianzen wie das transatlantische Bündnis zwischen Europa und Nordamerika ist immer weniger Verlass. Deutschland ist bemüht, seine Partnerschaften breiter aufzustellen und Abhängigkeiten von einzelnen Großmächten zu verringern – vor allem von den USA im Sicherheitsbereich und China bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit.
Indien ist aber auch ein Land, das Einfluss ausüben kann, weil es sich „zwischen den Welten“ bewegt. Modi hat Wladimir Putin erst im Dezember in Neu-Delhi empfangen und ist über die Brics-Staatengruppe mit Russland verbunden. Kontakte, die noch hilfreich sein könnten.