So bunt wie in Indien wurde Friedrich Merz noch nirgends empfangen. Kurz lässt der Kanzler das deutsche Grau hinter sich und gastiert in einem Land, das vor Kraft kaum laufen kann. Noch immer gibt es hier zwar extreme Armut, aber das Wachstum explodiert regelrecht. Es wird nicht lange dauern, bis Indien – an Deutschland und Japan vorbei – in die Top 3 der Volkswirtschaften vorrückt.
Das hat natürlich mit schierer Größe zu tun – 1,44 Milliarden Menschen sind Arbeitskräfte und Konsumenten zugleich. Aber vor allem mit der Weltlage: Die USA verstören derzeit selbst Verbündete. China wird schon lange als problematischer Partner gesehen. Deshalb hat man in Brüssel erkannt, dass Europa dringend neue Partner braucht. Nur deshalb wurde erst ein Freihandelsdeal mit Indonesien und nun endlich das Mercosur-Abkommen mit Südamerika verabschiedet – trotz berechtigter Kritik im Detail ist das unterm Strich richtig.
Jetzt soll das zunehmend selbstbewusste Indien folgen, kein einfacher Partner. Doch Europa muss umdenken. Noch 2023 war die Stiftung für Politik und Wissenschaft eher skeptisch. Die handelspolitischen Auflagen der EU würden in Neu-Delhi als „neokoloniale Bevormundung“ gesehen. Die EU habe sich zur Hüterin der Menschenrechte sowie für Umwelt-, Sozial- und Klimafragen gemacht. Das bittere Fazit der Forscher: „Der indischen Regierung wird die Fähigkeit abgesprochen, im Interesse ihrer eigenen Bevölkerung zu handeln.“ Diese Arroganz tauscht Europa nun gegen Pragmatismus ein. Gut so!
Sollte mit Indien tatsächlich noch diesen Monat das nächste Freihandelsabkommen folgen, wäre das ein extrem starkes Signal, nicht zuletzt an Donald Trump: Europa ist lern-, handlungs- und mehrheitsfähig. Ein Erfolg, auch für Friedrich Merz.