Ob der 13-köpfige Erkundungstrupp, den der Kanzler via Dänemark nach Grönland schickt, Donald Trump wohl mehr beeindruckt als der zusätzliche dänische „Hundeschlitten“, über den der US-Präsident so gern spottet? Klar kann man das kleine Expeditionscorps der Bundeswehr belächeln. Aber es ist doch ein Zeichen: dezent genug, um Trump, den man als Helfer in der Ukraine braucht, nicht zu sehr zu ärgern. Aber auch ausreichend deutlich, um republikanischen Wählern und Abgeordneten zu signalisieren, dass in Grönland der Fortbestand der Nato und überhaupt des Westens auf dem Spiel steht. Und dass Trump mit dem Feuer spielt.
Denn das ist das einzige Ass, das die Europäer derzeit im Ärmel haben: Die meisten Trump-Wähler lehnen dessen Agieren in Grönland klar ab. Das muss der US-Präsident bei all seinen Eroberungsgelüsten ins Kalkül ziehen, erst recht vor den Midterm-Wahlen. Republikanische Abgeordnete haben nicht vergessen, wie treu die Dänen im Afghanistankrieg an der Seite der USA standen. Und aus dem Kongress gibt es, auch bei Trumps Parteifreunden, gerade ernsthafte Bemühungen, ein Stoppschild für den Präsidenten in Grönland aufzustellen.
Dessen eigentliche imperiale Agenda wird immer klarer: So wie Putin Eurasien unter seine Kontrolle bringen will, versucht Trump ganz Amerika inklusive Kanada und Grönland (und Venezuela und Kuba und Panama usw.) zu unterwerfen. Und er gibt sich genauso wenig Mühe wie Putin zu verschleiern, was sein Ziel ist: So wie der Kreml den alten imperialen Glanz des Sowjetreichs beschwört, schwärmt Trump für die Monroe-Doktrin, die er kurzerhand in „Donroe-Doktrin“ umbenannt hat und die kurz gesagt bedeutet, dass Washington ganz Amerika als seinen Hinterhof betrachtet.
Was aber, wenn der Weltpolizist plötzlich zum Gauner wird? Gegen das Recht des Stärkeren hilft kein europäisches Gejammer über den Bruch des Völkerrechts, das reizt Trump nur noch mehr. Europa braucht in der neuen tripolaren Welt langfristig neue Allianzen, etwa mit Indien, und den festen Willen zur militärischen Selbstbehauptung. Und kurzfristig viel List und Tücke, um Trump in Grönland und der Ukraine wenigstens noch mit einem Bein in der alten Welt zu halten.GEORG.ANASTASIADIS@OVB.NET