Das große Renten-Streitgespräch: Benedict Lang (l.) und Manuel Knoll diskutieren über Fairness und Vorsorge. © Astrid Schmidhuber
München – Sie sind fast gleich alt, politisch sozialisiert in denselben Krisenjahren – und doch trennen sie beim Thema Rente Welten. Benedict Lang (30), Chef der bayerischen Jusos, und Manuel Knoll (35), Landeschef der Jungen Union (JU), haben grundlegend unterschiedliche Vorstellungen davon, welche Reformen es braucht. Ein Streitgespräch über Generationengerechtigkeit, finanzielle Verantwortung und die Frage, wie der demografische Wandel abgefedert werden kann.
Wie sorgen Sie fürs Alter vor?
Benedict Lang: Ich zahle in die gesetzliche Rentenkasse ein und habe mir einen ETF-Sparplan angelegt. Das ist aber nicht selbstverständlich, für viele stellt sich die Frage: Von welchem Geld?
Manuel Knoll: Das stimmt – je niedriger das Einkommen, desto schwieriger wird private Vorsorge. Aber selbst kleine Beträge können einen Unterschied machen. Wer zehn Euro einzahlt, hat bei einer Laufzeit von 40 Jahren 300 Euro zusätzlich. Auch das ist ein Beitrag gegen Altersarmut. Ich sorge ebenfalls privat mit einem ETF-Sparplan vor. Bis ich Landtagsabgeordneter wurde, habe ich in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt.
Also empfehlen Sie private Vorsorge grundsätzlich jedem?
Knoll: Man muss den demografischen Wandel auf verschiedene Schultern verteilen. Da wird eine Säule der Risikoabsicherung die Private sein müssen. Gerade für Menschen mit niedrigem Einkommen sind weitere Anreize für eine private Altersvorsorge wichtig, weil sie überproportional von einer immer weiter steigenden Steuer- und Abgabenlast betroffen sind.
Lang: Wobei diese Last ja nicht gottgegeben ist. Man kann durchaus darüber reden, wie stark Menschen mit kleinen Einkommen im Vergleich zu mittleren oder hohen Einkommen belastet werden.
Knoll: Also, wenn die SPD bei Steuersenkungen mitmacht, bin ich sofort gesprächsbereit. (lacht)
Lang: In unserem Bundestagswahlprogramm hatten wir tatsächlich Entlastungen für 90 Prozent der Bevölkerung vorgesehen. Bei der Rente muss man vor allem über die Finanzierung reden – es gibt einige wenige, die deutlich mehr beitragen könnten. Zwei Familien haben in Deutschland mehr Vermögen als die ärmere Hälfte der Bevölkerung, das ist massiv ungerecht. Was die private Vorsorge angeht: Die ist nun mal auch risikobehaftet. Der Anspruch der Politik sollte sein, eine gesetzliche Rente zu organisieren, die armutsfest ist.
Heißt das, Sie wollen am Rentenniveau von 48 Prozent festhalten?
Lang: Ja, ganz klar. Die Position der Jusos ist eindeutig: Wir wollen ein solidarisches Rentensystem. Dazu gehört, das Rentenniveau langfristig stabil bei 48 Prozent zu halten beziehungsweise eigentlich zu erhöhen.
Knoll: Das zu einem Zeitpunkt zu fordern, an dem jeder dritte Euro des Bundeshaushalts in die Rente fließt, halte ich für fahrlässig. Das Finanzierungsproblem wird sich weiter zuspitzen, wenn die Babyboomer vollständig in Rente gehen. Aber – das betone ich ausdrücklich – niemand in der Union will Renten senken.
Lang: Es kann sein, dass das in der Union niemand will. Wer aber möchte, dass die Leute künftig genauso viel von ihrer Rente haben wie jetzt, muss für die Verlängerung der Haltelinie sein. Es gibt ein gesetzlich garantiertes Rentenniveau, und wenn ich das absenke, ist das ja de facto eine Rentenkürzung.
Knoll: Nein, ist es nicht. Es ist gesetzlich verankert, dass das Rentenniveau nicht sinken darf. Wir diskutieren nur darüber, wie stark es anwachsen soll. Die Finanzierung darf nicht allein auf den Schultern der Beitragszahler lasten, das war übrigens der Kompromiss, den die SPD-Sozialministerin Ulla Schmidt Anfang der 2000er umgesetzt hat. Die Herausforderungen des demografischen Wandels wurden damals auf drei Schultern verteilt: Beitragszahler, Bundeszuschuss und Rentner. Seit dem Aussetzen der Haltelinie 2019 ist man einseitig von diesem Kompromiss abgewichen, zulasten der kommenden Generationen.
Die Rentenkommission diskutiert auch über Beiträge auf Mieteinnahmen oder Kapitalerträge. Könnte das bei der Finanzierung helfen?
Knoll: Ich halte es für richtig, erst einmal alle Vorschläge auf den Tisch zu legen. Bei diesem Ansatz habe ich allerdings Sorge, dass wir ein Bürokratie-Monster schaffen. Wir haben ohnehin ein Effizienzproblem: Obwohl wir so viel Geld ausgeben, kommt zu wenig unten an – da gebe ich Herrn Lang sogar recht. Das liegt aber auch daran, dass die Bürokratie so viel kostet, und mit jeder weiteren Steuer wird das Problem eher größer anstatt kleiner.
Lang: Wir Jusos wollen alle Einkommensarten gleich belasten. Auch Kapitalerträge und Mieteinnahmen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Union je nach Ziel mal gegen und mal für mehr Bürokratie ist. Bei der neuen Grundsicherung etwa, für die sie sich starkgemacht hat, gibt es deutlich mehr Bürokratie – vor allem, weil man stärker sanktionieren will.
Ansonsten schlagen wir als Jusos vor, nicht nur pro Kopf, sondern an der Wertschöpfung orientiert in die Rentenkasse einzuzahlen. Wenn Unternehmen mit weniger Mitarbeitern weiter hohe Umsätze machen, wieso sollten diese Umsätze nicht die Rente mitfinanzieren, statt als Gewinne an Aktionäre zu fließen?
Würde es das System entlasten, wenn auch die Beamten in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen?
Knoll: Die Einbeziehung der Beamten wird unsere Rentenprobleme nicht auf einen Schlag lösen. Für alle, die bereits verbeamtet sind, gilt das verfassungsrechtlich garantierte Alimentationsprinzip. Ihre Pension kann man nicht einfach streichen. Man könnte nur neu Verbeamtete in die gesetzliche Rentenversicherung einbeziehen. Dann müsste der Staat allerdings – wie jeder andere Arbeitgeber – den Arbeitgeberanteil zahlen. Spürbar entlasten würde das die Rentenkasse frühestens 2070.
Lang: Kurzfristig würden die Beiträge der neuen Beamten aber trotzdem Geld einbringen. Das könnte helfen, die Boomer-Delle abzufedern – schließlich zahlen Beamte jahrzehntelang ein und beziehen ihre Leistungen erst später.
Knoll: Erst 2070 würde eine Entlastung entstehen. Am grundlegenden Finanzierungsproblem ändert es daher nichts.
Ein weiterer umstrittener Vorschlag: Sollte der Renteneintritt stärker an die Beitragsjahre gekoppelt werden?
Knoll: Dass wir die Beitragsjahre im Blick behalten, ist grundsätzlich richtig. Es ist ja je nach Berufsgruppe unterschiedlich, wie lange man arbeiten kann – man denke nur an den viel zitierten Dachdecker. Das muss unser künftiges Rentensystem auch berücksichtigen.
Lang: Auf den ersten Blick klingt das sehr gerecht. Aber sobald man genauer hinschaut, wird es kompliziert. Wie zählen Teilzeitjahre? Was ist mit Personen, die neben dem Studium im Café arbeiten? Es gibt auch erst einmal dringendere Prioritäten, als die Leute länger arbeiten zu lassen. Insofern war ich jetzt auch nicht begeistert, als Bärbel Bas gesagt hat: „Ja, dann reden wir doch mal über die Beitragsjahre und gehen das Renteneintrittsalter an.“ Das ist nicht Konsens in der SPD und erst recht nicht bei den Jusos.
Sind Sie optimistisch, dass die Rentenkommission einen konsensfähigen Reformvorschlag vorlegt?
Lang: Durch ihre diverse Zusammensetzung könnte die Kommission durchaus dafür sorgen, dass diejenigen, die finanziell mehr tragen können, das auch wirklich tun. Eine Reform darf nicht bedeuten: entweder weniger auszahlen oder länger arbeiten. Das Thema Rente beschäftigt viele, weil es Gerechtigkeit erlebbar macht.
Knoll: Der Erwartungsdruck an die Kommission ist hoch. Es ist nicht nur wichtig, dass sie gute Vorschläge erarbeitet, sondern auch, dass die Regierungskoalition handlungsfähig ist und sie umsetzen kann.
Der Juso-Chef
Benedict Lang (30) führt die Jusos in Bayern, also die Jugendorganisation der SPD. Neben seinem politischen Engagement arbeitet er 36 Stunden pro Woche am Münchner Standort des Unternehmens PD als Berater der öffentlichen Hand. Vorher machte er seinen Bachelor-Abschluss in Wirtschaftsinformatik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und absolvierte anschließend ein Masterstudium mit dem Namen Responsibility in Science, Engineering and Technology (RESET) an der TU München. Die Frage nach Frau und Kindern ließ er unbeantwortet.
Der JU-Chef
Manuel Knoll (35) ist Landesvorsitzender der Jungen Union, also der CSU-Jugendorganisation. Er ist seit 2023 Mitglied des Bayerischen Landtags, wo er den Stimmkreis Augsburg-Land-Dillingen vertritt. Vorher studierte er BWL und Politikwissenschaft. Im Rahmen eines dualen Studiums arbeitete Knoll unter anderem bei Siemens im französischen Haguenau. Bis zu seiner Wahl in den Landtag war er als Geschäftsführer der Kommission für das Arbeitsvertragsrecht der bayerischen Diözesen tätig. Knoll ist nicht verheiratet und hat keine Kinder.