Setzt auf Dialog: Kanzler Friedrich Merz (M.) mit Nato-Chef Mark Rutte (l.) und US-Präsident Donald Trump. © dpa
München – Der Brief klingt so bockig, als habe ihn ein Kind verfasst, und nicht der mächtigste Mann der Welt. „Da Ihr Land beschlossen hat, mir nicht den Friedensnobelpreis dafür zu verleihen, dass ich acht Kriege beendet habe, fühle ich mich nicht mehr verpflichtet, nur an Frieden zu denken“, schreibt Donald Trump an Norwegens Regierungschef Jonas Gahr Støre. Dann behauptet er, Dänemark könne Grönland nicht schützen, und zweifelt die Zugehörigkeit der Insel zum Königreich an. Die Welt, so endet er, sei „nicht sicher, wenn wir nicht die völlige und totale Kontrolle über Grönland haben“.
Das sind aufschlussreiche Zeilen in einem historischen Moment. Seit den Zolldrohungen vom Wochenende ist klar, dass der US-Präsident im Grönland-Streit auf harte Konfrontation setzt. Dem Schreiben an Støre, seit gestern publik, lässt sich entnehmen, dass es dabei nicht nur um die nationale Sicherheit der USA geht, wie Trump seit Wochen behauptet – sondern mindestens ebenso sehr um sein gekränktes Ego.
Das macht den Umgang mit ihm nicht leichter. Seit seiner Amtsübernahme vor einem Jahr versuchen die Europäer, den US-Präsidenten irgendwie im Boot zu halten. Doch manche sagen, im Streit um Grönland sei diese Taktik an ihr Ende gelangt. Brüssel scheint bereit, US-Zölle mit Gegenzöllen zu beantworten. Es wäre ein offener Handelskrieg, geführt um ein Stück Land. Der endgültige Bruch mit den USA?
Der Kanzler versucht, die Lage etwas nüchterner zu beschreiben. „Wir in Europa sind uns einig, dass wir möglichst jede Eskalation in dieser Frage vermeiden wollen“, sagt Friedrich Merz (CDU) am Montag in Berlin. Er setze auf Dialog mit Trump – immerhin habe der schon öfter von Zolldrohungen wieder Abstand genommen. Merz deutet aber auch an, dass Gegenmaßnahmen denkbar sind. „Ich will das nicht“, sagte er. „Aber wenn es nötig ist, werden wir natürlich unsere europäischen und nationalen deutschen Interessen schützen.“
Ob es dazu kommt, könnte sich schon in dieser Woche entscheiden. Für Donnerstag haben die EU-Staats- und Regierungschefs einen Sondergipfel in Brüssel vereinbart, um über die Reaktion auf Trumps Drohungen zu beraten. Nicht ganz einfach, denn die Meinungen gehen auseinander. Während Frankreich auf die Aktivierung des „Anti-Coercion Instrument“ setzt, das der EU neben Zöllen auch andere scharfe Not-Maßnahmen erlaubt, ist Italien vorsichtig, will vermitteln. Regierungschefin Giorgia Meloni telefonierte am Sonntag mit Trump; später griffen auch der britische Premier Keir Starmer und Nato-Generalsekretär Mark Rutte zum Telefon.
Die Hoffnung liegt allerdings auf dem Tag vor dem EU-Gipfel. Am Mittwoch wird Trump zum Weltwirtschaftsforum in Davos erwartet, wo er eine Rede halten wird. Die US-Delegation – die größte, die der kleine Wintersportort in der Schweiz je gesehen hat – zeigt schon an, dass es weniger um Wirtschaft als viel mehr um Geopolitik gehen dürfte. Mit dabei: Außenminister Marco Rubio, der Sondergesandte Steve Witkoff und Finanzminister Scott Bessent.
Davos, das diesmal unter dem Motto „Im Geiste des Dialogs“ steht, könnte zum Krisengipfel werden. Die Europäer hoffen jedenfalls, sich am Rande des Forums mit Trump persönlich zusammensetzen zu können. Man versuche gerade, ein Treffen zu organisieren, sagte Kanzler Merz gestern – ob es klappe, entscheide sich spontan. Die Bedeutung der Veranstaltung ist nicht zu unterschätzen. Der britische „Guardian“ schrieb, Davos sei die letzte Chance, die Weltordnung zu retten.
Gleichzeitig zeigt der Gipfel, welchen Drahtseilakt Europa vollziehen muss. Neben allem anderen soll es auch noch um die Ukraine gehen, Präsident Wolodymyr Selenskyj – im Umgang mit Trump hartgesotten – reist eigens an. Nicht nur er hofft, dass Trump sein Land nicht fallen lässt; auch Merz und Co. wissen, dass es ohne die USA schwer wird, Kreml-Chef Wladimir Putin abzuschrecken. Allzu breitbeinig darf Europa also nicht auftreten. Er werde alles tun, was die Chancen auf eine Lösung für die Ukraine vergrößert, sagte Merz. „Dazu gehört auch der Umgang mit den Zolldrohungen.“
Womöglich reist Trump auch mit einem neuen Vorschlag an. Wie die „Kyiv Post“ berichtet, hat er sein Team angewiesen, den Europäern alternative Modelle für Grönland vorzuschlagen: Demnach denkt er an eine 99-jährige Pacht der Insel – oder an das „Puerto-Rico-Modell“: Demnach würde Washington die 57 000 Grönländer mit US-Privilegien an sich binden.
Ein anderer Vorschlag kommt am Montagabend aus Brüssel. Dänemark und Grönland schlagen dort Nato-Generalsekretär Mark Rutte eine gemeinsame Mission des Bündnisses in der Arktis vor.