Es war ein höchst unwürdiges Spektakel, das das westliche Bündnis da in den vergangenen Tagen aufführte. In Moskau und Peking können sie ihr Glück vermutlich kaum fassen: Die freie Welt zerlegt sich gegenseitig. Und leider spricht vieles dafür, dass der Kompromiss im Grönland-Streit nur ein Zwischenakt in einer längeren Tragödie war. „Eine Welt, in der nur Macht zählt, ist ein gefährlicher Ort“, warnte gestern Friedrich Merz. Der Kanzler hat in diesen aufgeregten Tagen oft den richtigen, weil ruhigen Ton getroffen. Das ist wichtig, weil ihn Donald Trump ganz offensichtlich schätzt. Aber noch wichtiger ist es, weil es auf dieser Welt nicht mehr viele Staatschefs dieser Art gibt. Erstaunlicherweise gehört auch die Italienerin Giorgia Meloni dazu.
Immerhin ist die Lage vorübergehend etwas beruhigt: Neuerliche Zölle sind vom Tisch, die Spaltung der Nato ist abgewendet. Und mit den Details der Regelung müssten – zumindest in der alten Nato-Welt – sogar alle leben können: Militärbasen der USA in Grönland bieten Schutz (zumindest, solange die USA im westlichen Bündnis bleiben und das internationale Recht achten). Auch die Errichtungen eines Golden Dome, also einer Raketen-Abwehranlage, erscheint angesichts des russischen Expansionsstrebens leider sinnvoll. Aber zweifellos hätte man diesen Kompromiss auch in freundlicher Atmosphäre erreichen können, ohne Drohungen und Belehrungen.
Die Wahrheit lautet: Trump hat einen Rückzieher gemacht, den er nun als Deal verkaufen will. Für diesen Rückzieher gibt es mehrere Gründe, wie den wachsenden Widerstand im eigenen MAGA-Lager und die Warnsignale der Finanzmärkte. Vor allem aber haben die Europäer mit ihrer harten und geschlossenen (!) Haltung jene klare Sprache gesprochen, die der US-Präsident versteht. Der starke Wirtschaftsraum mit 450 Millionen Menschen ist mächtiger als viele Europäer selbst glauben. Das macht Mut. Auch für den Umgang mit Russland oder China.
Trotzdem bleibt von Davos vor allem Verunsicherung. Die teils wirre Rede dieses narzisstischen Präsidenten dokumentierte in aller Öffentlichkeit, wie wenig die US-Politik noch von Verlässlichkeit, Berechenbarkeit und Rationalität geprägt ist. Was heute gilt, kann sich morgen ins Gegenteil wenden. MIKE.SCHIER@OVB.NET