Selenskyj zwischen den Stühlen

von Redaktion

Ukraine-Verhandlungen in Abu Dhabi

Die Sowjetarmee brauchte im Zweiten Weltkrieg 1418 Tage, um bis nach Berlin vorzurücken. Wladimir Putins Armee hingegen steckt nach vier Jahren Krieg „in denselben Dörfern und Städten des Donbass fest“, wie die Agentur Meduza analysierte. Es ist also durchaus nicht so, dass der Kreml-Herr einen rauschenden Sieg feiern kann, sollte es in Abu Dhabi tatsächlich gelingen, einen Kompromiss-Frieden zu schließen.

Aber genau diese tapfere Gegenwehr der Ukrainer wird es Wolodymyr Selenskyj schwer machen, seiner eigenen Bevölkerung einen Friedensschluss zu verkaufen, bei dem auch Gebiete abgegeben werden müssten, die jetzt noch von ukrainischen Truppen kontrolliert werden. Putin kann über Krieg und Frieden über die Köpfe der russischen Bevölkerung hinweg entscheiden. Aber die Ukraine ist eine Demokratie. Und es ist absehbar, dass politische Kontrahenten Selenskyj „Verrat“ an den tausenden von gefallenen Soldaten vorwerfen werden, egal wie eine Friedenslösung am Ende aussehen könnte.

Die Ukrainer sind gespalten. Da sind die Kriegsmüden, die nach vier Jahren Ausnahmezustand einfach nicht mehr können. Und da sind die, die argumentieren: Wir haben so lange durchgehalten – wir dürfen die Menschen im Donbass und die nach Russland verschleppten Kinder nicht im Stich lassen. Selenskyjs Unterhändler in Abu Dhabi sitzen deshalb zwischen allen Stühlen: Hier der Egomane Donald Trump mit seiner offenkundigen Kreml-Sympathie. Dort der brutale Taktiker Putin, der die frierende ukrainische Bevölkerung mit einem Dauer-Bombardement quält. Und dann noch der politische Druck in der Ukraine gegen allzu große Kompromissbereitschaft. Selenskyj steht vor den schwierigsten Entscheidungen seines Lebens.KLAUS.RIMPEL@OVB.NET

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