Taiwan: „China immer aggressiver“

von Redaktion

München – Schon der Name war für viele Taiwaner ein Schlag ins Gesicht: „Mission Gerechtigkeit 2025“ nannte Peking das Militärmanöver, mit dem China im Dezember den Druck auf den Inselstaat Taiwan verschärfte. Geübt wurde eine Umzingelung des Landes, das Peking als abtrünnige Provinz betrachtet und sich – notfalls auch mit Gewalt – einverleiben will. Es war die zweite große Übung 2025. Und auch 2026 schickt Peking wieder täglich Kampfjets und Kriegsschiffe in die Nähe der demokratisch regierten Insel. „China verhält sich immer aggressiver“, urteilt der Militärexperte Sheu Jyh-Shyang vom Institute for National Defense and Security Research in Taipeh.

Ob China tatsächlich eine groß angelegte Invasion Taiwans plant, weiß außer Staats- und Parteichef Xi Jinping wahrscheinlich niemand. Experten halten es auch für möglich, dass China stattdessen mit immer neuen Nadelstichen versucht, die taiwanische Bevölkerung zu zermürben. Mit Militärmanövern, mit Propagandakampagnen, mit Einflussnahme auf die taiwanische Politik. Taiwan bereitet sich jedenfalls auf den Ernstfall vor. Und rüstet angesichts der Bedrohung aus China immer weiter auf. Zuletzt verkündeten die USA, der wichtigste Partner des Landes, Waffenverkäufe an Taiwan im Rekordwert von elf Milliarden Dollar.

Waffen, die bedient werden müssen, sollte China tatsächlich angreifen. Doch Taiwan gehen die Soldaten aus. Denn das Land hat schon länger eine der niedrigsten Geburtenraten weltweit. Bereits 1983 fiel die Geburtenrate unter 2,1 Kinder pro Frau – so viele Geburten wären eigentlich notwendig, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten. Vor wenigen Tagen meldeten taiwanische Medien dann, dass der Inselstaat mit seinen gut 23 Millionen Einwohnern neuerdings nach UN-Definition als „überalterte Gesellschaft“ gilt. Das bedeutet, dass mehr als 20 Prozent der Bevölkerung 65 Jahre oder älter sind. Eine Folge: Im vergangenen Jahr hatte Taiwan nur gut 152000 Soldaten – vier Jahre zuvor waren es noch 165000.

In Taiwan müssen alle jungen Männer verpflichtend zum Militär. In den 2010er-Jahren hatte die Regierung die Dauer der Wehrpflicht allerdings schrittweise reduziert, von zwei Jahren auf schließlich nur noch vier Monate. Erst seit dem vergangenen Jahr dauert der Dienst an der Waffe wieder zwölf Monate. Auch Freiwillige lassen sich nur wenige anwerben – angesichts der zunehmenden Drohungen aus China kein Wunder. Zudem liefern sich das Militär und die freie Wirtschaft einen erbitterten Wettbewerb um qualifizierte Kräfte.

Eine Lösung für das Problem wäre es, ausländische Soldaten anzuwerben. Manchen Experten schwebt eine Art Fremdenlegion nach französischem Vorbild vor. Auch könnte Taiwan Frauen zum Dienst an der Waffe verpflichten. Im taiwanischen Verteidigungsministerium gibt es derweil Überlegungen, die Anforderungen an Rekruten herunterzuschrauben.

China lässt derweil keine Zweifel aufkommen, dass Taiwan eines Tages ein Teil der Volksrepublik China werden soll – ob die Menschen dort wollen oder nicht. „Die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes, ein Trend der Zeit, ist unaufhaltsam“, sagte unlängst Xi Jinping.SVEN HAUBERG

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