Liebend gerne würde Donald Trump genau so diktatorisch regieren wie der von ihm bewunderte Wladimir Putin. Das US-Präsidialsystem gibt ihm umfassende exekutive Durchgriffsrechte, doch eines fehlt ihm zur totalen Macht: die Möglichkeit der Steuerung der öffentlichen Meinung durch staatlich gelenkte Medien. In Dauerschleife senden die großen US-TV-Stationen seit dem Wochenende die zutiefst verstörenden Bilder der Tötung des 37-jährigen Alex Pretti durch Trumps Migrantenjägermiliz ICE in Minneapolis. Darauf ist klar zu erkennen, dass von dem nach einem Handgemenge am Boden liegenden Pretti keine Gefahr für die Beamten ausging, als diese ihm mehrfach in den Rücken schossen. Das sieht nach kaltblütiger Exekution aus, jedenfalls nicht wie die – von der Regierung behauptete – Unschädlichmachung eines gefährlichen „Inlandsterroristen“.
Bislang folgte Trumps ICE-Strategie einem klaren Plan: Er zielte darauf ab, durch fortgesetzte Provokationen die Lage so weit eskalieren zu lassen, dass sich ihm durch möglicherweise unbedachte Gegenreaktionen von Demonstranten oder örtlicher Ordnungskräfte der Vorwand böte, das Militär nach Minneapolis zu entsenden. Der „Insurrection Act“ bietet ihm die Handhabe, mit Nationalgardisten gegen Aufstände vorzugehen. Manche Politiker der Demokratischen Partei warnen sogar, Trump könne die Notlage ausrufen, um bei einer drohenden Niederlage Wahlen abzusagen.
Ein solches Szenario mit bürgerkriegsähnlichen Unruhen ist auch jetzt noch denkbar. Doch kann die Sache für Trump auch ganz anders ausgehen. Dann nämlich, wenn Amerikas von den TV-Bildern schockierte Öffentlichkeit mehrheitlich zu dem Schluss kommen sollte, dass es genug ist mit dem staatlich administrierten Schrecken durch die gestapoähnlich auftretenden, schlecht ausgebildeten ICE-Kommandos. Trumps Ansehen in der Bevölkerung befindet sich schon jetzt auf einem Tiefststand. Nur noch knapp über 40 Prozent der Bürger sind mit seiner Amtsführung zufrieden. Eine Niederlage bei den „Midterm Elections“ im November wäre gleichbedeutend mit dem Ende von Trumps Allmachtsfantasien. Dass er am Sonntagabend zurückruderte und eine „Prüfung“ der Geschehnisse durch die Regierung versprach, zeigt, dass er sich wie im Grönland-Streit verpokert haben könnte. GEORG.ANASTASIADIS@OVB.NET