Da schäumt der Kreml: Putins Bad in ukrainischem Blut. © Zillmann/dpa
München – In einem Punkt muss man Wladimir Putin Recht geben. Er sieht tatsächlich schlimm aus. Keines der Werke, das ihm Jacques Tilly gewidmet hat, schmeichelt dem Kreml-Chef auch nur ein bisschen. Sie zeigen Putin in Gefängniskleidung, beim Liebesspiel mit dem Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche oder, besonders drastisch, beim Bad in ukrainischem Blut. Wer Sympathien für den russischen Präsidenten hegt, wird eher kein Tilly-Fan mehr werden.
Das wird dem herzlich egal sein. Der Unmut der Mächtigen ist für Menschen wie Jacques Tilly eine Bestätigung, dass sie ihre Arbeit gut gemacht haben. Als Chef-Wagenbauer des Düsseldorfer Rosenmontagszuges ist Respektlosigkeit unverzichtbar. Seit über vier Jahrzehnten entwirft und baut er Gefährte für die Umzüge, im Rheinland ist er längst eine lokale Größe.
Überregional, sogar international bekannt gemacht hat ihn aber erst der Kreml. Seit letztem Jahr ermittelt die russische Justiz gegen Tilly (62) wegen angeblicher Verunglimpfung staatlicher Organe. Gestern wurde in Moskau der Prozess, der im Dezember wegen der Abwesenheit der Pflichtverteidigerin vertagt worden war, kurz aufgenommen – und dann erneut vertagt.
Aus Deutschland betrachtet ist das Verfahren eine Farce. Tilly hat von der Justiz nicht mal eine Nachricht bekommen, weswegen er sich zu verantworten hat: „Kein Brief, keine Info, nichts.“ Er wird sich hüten, selber nach Moskau zu reisen, nicht nur wegen der vielen Arbeit für den kommenden Umzug. „Russland ist ein Mafia-Staat mit einer entsprechenden Gerichtsbarkeit.“ Mit seiner angeblichen Pflichtverteidigerin hat er noch nie ein Wort gewechselt.
Aus russischer Perspektive ist die Sache weniger lächerlich. Der Vorwurf der Verunglimpfung von Staatsorganen ist ein gefürchtetes Instrument, um Oppositionelle und sonstige kritische Geister mundtot zu machen. Das sehr weit gefasste Gesetz sieht Geldstrafen oder Freiheitsentzug bis zu zehn Jahren vor.
„Absurd“ ist noch das Freundlichste, was Tilly zu diesem Prozess einfällt. „Ich kann kaum glauben, dass sich ein autoritärer Staat bemüßigt fühlt, seine Gerichte gegen Pappfiguren in Bewegung zu setzen.“ Angeblich wolle die deutsche Botschaft in Moskau Beobachter zur Verhandlung schicken und ihn über den Verlauf informieren, davon abgesehen hat das Verfahren für ihn keine konkreten Auswirkungen. Bis jetzt.
Langfristige Folgen des Verfahrens könne er allerdings schwer einschätzen, räumt Tilly ein. Solange er nicht in Länder mit Auslieferungsabkommen reise, berge der Prozess für ihn keine Gefahr, selbst wenn er mit einem Schuldspruch enden sollte, wovon auszugehen ist. „Aber es kann natürlich in vielen Jahren Auswirkungen haben, wenn etwa in Deutschland eine moskautreue Regierung an die Macht kommt, zum Beispiel die AfD.“
Aktuell warten erst mal andere Herausforderungen. Am Rosenmontag werden sich die Blicke nicht nur von Karnevalisten wieder auf den Düsseldorfer Umzug richten. Zwölf Wagen aus Jacques Tillys Werkstatt sollen dann zu sehen sein. Für russische Staatsanwälte dürfte der Tag ergiebig werden.
Tilly verweist zwar auf „strengste Geheimhaltung“, die auch dieses Jahr gelte, doch dass er vor dem Aggressor im Kreml nicht einknicken wird, davon ist auszugehen. Er werde „nicht verraten, ob wir hier einen oder mehrere Putins fahren lassen“. Es sei schließlich schon immer die Aufgabe des Narren gewesen, „einmal im Jahr der Obrigkeit die Meinung zu geigen. Und das machen wir natürlich weiterhin.“MIT KNA