WIE ICH ES SEHE

Zehn Sekunden auf einem Bein

von Redaktion

Vor der geflügelten Sphinx stand der junge Ödipus in Theben. Sie wollte ihn verschlingen wie alle anderen, die ihre Rätselfrage nicht beantworten konnten: „Was geht am Morgen auf vier Füßen, am Mittag auf zwei und am Abend auf drei?“ Die Antwort des Ödipus : „der Mensch“. Denn das Kind krabbelt auf vier Gliedmaßen, der Erwachsene geht auf zwei Beinen, und am Abend geht der alte Mensch mit Stock auf drei Beinen. Nachdem Ödipus als Einziger das Rätsel gelöst hatte, stürzte sich die Sphinx in den Tod. Theben war von ihrem Fluch befreit, und Ödipus wurde König der Stadt.

Merke: Gehhilfe mit dem Stock im Alter ist eine ganz frühe Erfindung der Menschheit. Die ist sogar in die älteste griechische Sagenwelt eingegangen.

Heute können wir alle – ganz gleich ob alt oder jung – auf eine ganze Gesundheitsindustrie zurückgreifen, die uns weit über den Gehstock hinaus in allen Lebenslagen mobil bleiben lässt. Immer perfekter werden die Prothesen von Weltfirmen wie Ottobock aus Duderstadt. Aber auch auf dem großen Gebiet der Orthesen, orthopädische Hilfe für praktisch jedes Gelenk, gibt es erfindungsreiche Unternehmen der Medizintechnik wie z.B. die Oped in Valley bei Holzkirchen. Solche Unternehmen trauen sich längst hinaus in die Welt digitaler Analysen mit innovativen Angeboten.

Ein Blick auf unsere Straßen wie in die S- und U-Bahnen der Städte genügt, um zu zeigen, wie geschickt Menschen mit Rollstühlen wie Rollatoren heute unterwegs sind. „Haben Sie auch schon den Rollator-Führerschein?“ Das ist heute eine flapsige, aber doch liebevolle Frage unter Senioren. Gehhilfen sind kein Reisehindernis. Ein Freund hat mir die Landung seines Ferienfliegers mit Touristen in Florida geschildert. Der Kapitän lässt erst die wenigen aussteigen, die das aus eigener Kraft können. Für die anderen steht auf dem Rollfeld ein ganzes Heer von Rollstühlen bereit.

Und für die Glücklichen unter uns, die noch nicht an den Rollator-Führerschein denken (müssen), haben unsere Sportmediziner gute Ratschläge. Sie machen digitale Ganganalysen und testen die Körperbalance durch eine einfache und sinnvolle Übung. Wie gut wir unser Gleichgewicht halten können, sagt viel über unsere Lebenserwartung aus. Wer zehn Sekunden auf einem Bein stehen kann, hat die besten Aussichten auf ein hohes Alter. Und wer dabei nicht so gut abschneidet, hat immer noch Zeit, durch Übungen etwas dagegen zu tun.

Vom Handstock des Ödipus bis zur lebensverlängernden Sportmedizin ist es ein weiter Weg, der entschieden aufwärts führt. Die beste Stütze aber bleibt der Arm eines seelenverwandten Freundes. Bei Ödipus war es seine treue Tochter. Sie begleitet den Vater, bis er im Tode inneren Frieden findet.

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