NACHRUF

Abschied von einer Unabhängigen

von Redaktion

Trauer um CDU-Politikerin Rita Süssmuth, die ein Jahrzehnt lang den Bundestag führte

Rita Süssmuth, hier 2022 auf einem CDU-Parteitag. © AFP

Berlin – Manchmal kann ein einziges Wort schon ein politisches Programm sein. Als Rita Süssmuth im September 1985 Heiner Geißler beerbte, lautete der Name ihres Ressorts noch „Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit“. Es dauerte ein Jahr, dann wurde daraus das „Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit“. Die Förderung von Frauen, der Kampf um ihre Gleichberechtigung in Politik, Beruf und Gesellschaft war ein Herzensanliegen Süssmuths.

Als Bundeskanzler Helmut Kohl 1985 Süssmuth auf Vorschlag Geißlers (alle CDU) in sein Kabinett aufnahm, war das eine handfeste Überraschung. Die 48-Jährige gehörte der CDU erst seit vier Jahren an. Als Vorsitzende des Bundesfachausschusses Familienpolitik war sie Fachpolitikern bekannt, sonst aber kaum jemandem.

Am 17. Februar 1937 wurde sie in Wuppertal geboten, ihr Vater war Lehrer. Rita Kickuth, so ihr Geburtsname, studierte Romanistik und Geschichte, später noch Erziehungswissenschaften, Soziologie und Psychologie. Sie wirkte als Professorin für Erziehungswissenschaften an den Universitäten Bochum und Dortmund sowie an der Pädagogischen Hochschule Ruhr.

Im Ministeramt nahmen Süssmuths Bekanntheit und Beliebtheit schnell zu. Aus Rita Süssmuth wird bald „lovely Rita“. Schnell musste sie sich im Amt beweisen – bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 mit ihren Auswirkungen bis nach Deutschland ebenso wie bei der Ausbreitung der Immunschwächekrankheit Aids.

Unter Süssmuth wurde der Anspruch aller Mütter und Väter auf Erziehungsgeld eingeführt, wurden erstmals Kindererziehungszeiten in der Rente anerkannt und der steuerliche Kinderfreibetrag spürbar angehoben. Sie machte sich für die Wahlfreiheit der Frauen zwischen Familie und Beruf stark, trat für ein liberaleres Abtreibungsrecht ein, kämpfte gegen die Ausgrenzung von Aids-Kranken und für die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen.

In der damals noch konservativeren Union vertrat sie damit oft Minderheitspositionen. Auch mit Kohl, dessen Ära als Kanzler sie mitprägte, trug sie manche Kontroverse aus. Dass sie als Vorsitzende der Frauen-Union ab 1986 eine Hausmacht in der CDU hatte, stärkte ihre Position.

Als Kohl sie 1988 als Bundestagspräsidentin vorschlug, wurde das allgemein als ein Wegloben der unbequem Gewordenen interpretiert. 1989 gehörte Süssmuth beim legendären CDU-Parteitag in Bremen zur Gruppe derer, die Kohl als Parteichef absägen wollten. Was misslang, ihr aber nicht schadete. Süssmuth blieb bis zum SPD-Wahlsieg 1998 Bundestagspräsidentin.

Nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag 2002 kämpfte Süssmuth weiter für die gleichberechtigte Vertretung von Frauen im Bundestag. Nun ist sie im Alter von 88 Jahren gestorben.ULRICH STEINKOHL

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