Das Ringen um die Arbeitszeit

von Redaktion

Zu viele Feiertage: Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. © ms

München – Die deutsche Wirtschaft kriselt: 0,3 Prozent Wachstum, das war die magere Zahl vom letzten Quartal 2025. Hohe Sozialausgaben, stagnierendes Wachstum und Fachkräftemangel belasten den Standort weiter. Was tun? Die Reform-Konzepte für Arbeitnehmer gehen derzeit weit auseinander.

Arbeitszeit: Die schwarz-rote Koalition in Berlin will Arbeitnehmern mehr Flexibilität ermöglichen und plant, den starren Acht-Stunden-Tag noch in diesem Jahr durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit zu ersetzen. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sieht derweil in Mehrarbeit den Schlüssel, um Deutschlands Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. „Eine Stunde Mehrarbeit in der Woche würde uns enorm viel Wirtschaftswachstum bringen und ist wirklich nicht zu viel verlangt“, sagt er seit Tagen in Interviews.

Zuvor hatte der Wirtschaftsflügel der Union gefordert, den Rechtsanspruch auf Teilzeit einzuschränken – mit dem Ziel, „Lifestyle-Teilzeit“ zu begrenzen und die Arbeitsmoral zu stärken. Nordrhein-Westfalens Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) rief seine Parteikollegen zu mehr Fingerspitzengefühl auf. „Die Deutschen sind nicht faul“, betonte er.

Während die Union auf Mehrarbeit setzt, ziehen die Gewerkschaften in die Gegenrichtung: Sie fordern eine kürzere Wochenarbeitszeit. Verdi legte gestern bundesweit Busse und Bahnen lahm, um unter anderem durchzusetzen, dass Beschäftigte im ÖPNV künftig nur noch 35 statt 38,5 Stunden pro Woche arbeiten müssen. In der Stahlindustrie ist diese Regelung längst Standard. Die IG Metall hatte vor einigen Jahren sogar eine 32-Stunden-Woche gefordert, zog diesen Vorstoß aber im vergangenen Sommer angesichts der „schwierigen konjunkturellen Lage“ zurück.

Feiertage: Viele Feiertage fallen dieses Jahr auf Wochenenden. Was Arbeitnehmer ärgert, dürfte die Konjunktur ankurbeln. Kein Wunder also, dass manche Wirtschaftsexperten die Debatte über Feiertagsstreichungen anstoßen. Nicola Leibinger-Kammüller, Chefin des Maschinenbauers Trumpf, nimmt dabei den Ostermontag ins Visier: „So gut wie niemand nimmt heute noch an einer Ostermontags-Prozession teil, für die der Tag im Mittelalter einmal gedacht war.“ Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), geht noch einen Schritt weiter und nennt Ostermontag, Pfingstmontag und sogar den zweiten Weihnachtsfeiertag als Streichkandidaten.

Ganz anders sehen das Grüne und Linke: Ihrer Meinung nach müssen die Feiertage unter der Woche nachgeholt werden. „Für Beschäftigte ist es nicht nur ärgerlich, sondern auch unfair, wenn Feiertage auf das Wochenende fallen“, sagte Bundestagsabgeordneter Timon Dzienus (Grüne). Arbeitgeber profitierten auch von erholten Mitarbeitern – nicht nur von ihren Arbeitsstunden.

Krankheitstage: Sind die Deutschen zu oft krank oder zu leicht krankgeschrieben? Auch darüber wird intensiv diskutiert. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts waren Arbeitnehmer 2024 durchschnittlich 14,8 Arbeitstage krankgemeldet. Söder bekräftigt die Forderung von Kanzler Friedrich Merz (CDU), die telefonische Krankschreibung zu kippen. Außerdem befürwortet er die Einführung eines „Karenztags“: Arbeitnehmer würden am ersten Krankheitstag ohne Lohn dastehen (oder müssten Urlaub nehmen). „An Brückentagen ist Deutschland immer etwas kranker als sonst“, kritisierte der CSU-Chef. Die SPD lehnt Karenztage jedoch ab und sieht in ihnen ein Risiko für die Gesundheit der Arbeitnehmer.

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