KOMMENTARE

Verdi-Streik im Paralleluniversum

von Redaktion

Streit um die Arbeitszeit

Sie wünschten sich für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst mehr „Wertschätzung“, so begründen die Funktionäre der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ihre Warnstreiks. Diese Wertschätzung lässt sich beziffern: Sie soll sich nach dem Willen von Verdi in bis zu zwölf Prozent mehr Gehalt, der 35-Stunden-Woche, mehr Urlaub und kürzeren Schichten ausdrücken. Millionen Pendler, die sich gestern durch die Kälte irgendwie an ihren Arbeitsplatz durchschlugen, können von so viel Wertschätzung nur träumen. Manche von ihnen wären schon froh, wenn sie ihren Job behielten. Denn die private Wirtschaft taumelt. Entlassungen sind wieder an der Tagesordnung. In Deutschland sind bereits über drei Millionen Menschen arbeitslos gemeldet, so viele wie seit 14 Jahren nicht mehr.

Solche Sorgen hat man im öffentlichen Dienst, gegen dessen Arbeitgeber Verdi nun mit seinen Streiks zu Felde zieht, nicht: Dort sind die Jobs sicher, weil der Staat, anders als die Privatwirtschaft, jedes Gehalt bezahlen kann – er kann es sich ja von den Steuerzahlern holen (oder aus irgendwelchen obskuren „Sondervermögen“, vulgo Schulden). Deshalb tut sich Verdi so leicht damit, Forderungen zu erheben, die für jeden erkennbar jenseits von gut und böse sind. Der Staat ist erpressbar; die Privatwirtschaft nur bis zu einem gewissen Grad, weil danach die Pleite droht.

Niemand neidet dem Busfahrer im teuren Oberbayern ein paar Prozente mehr auf dem Gehaltszettel. Doch ist es keine Zumutung, zugleich nicht auch noch den Urlaub zu verlängern und die Wochenstundenzahl zu verkürzen. Auch wenn sich die SPD nun so fürchterlich aufregt: Eine Stunde Mehrarbeit, wie von CSU-Chef Söder angeregt, wäre kein nationales Unglück. Andere Länder haben technologisch aufgeholt, fast überall wird länger gearbeitet als bei uns. Wenn die Privatwirtschaft abschmiert, sollte Verdi den Menschen nicht vorlügen, dass der öffentliche Dienst in einem Paralleluniversum kreist, in dem man mit immer weniger Arbeit immer besser leben kann.

Doch sollte auch der CDU-Wirtschaftsrat, der gerade mit so tollen Ideen wie dem Aus für „Lifestyle“-Teilzeit und kassenfinanzierte Zahnbehandlungen glänzt, mal den Mund halten. Es reicht, wenn Verdi in den Klassenkampf zieht.GEORG.ANASTASIADIS@OVB.NET

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