Südamerika, Indien, Arabien: (Sub-)Kontinent für Kontinent klappert die europäische und deutsche Politik die Weltkarte ab auf der Suche nach neuen Partnern, um nicht der Spielball Chinas und der USA zu bleiben, der man spätestens mit Trumps Machtübernahme geworden ist. Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Emirate sind für den Kanzler besonders lohnende Reiseziele in der neuen multipolaren Welt: Dort gibt es im Gegenzug für unser Technologie-Know-how etwas, worauf man im ergrünten und wirtschaftlich erlahmten Deutschland bis zum Ausbruch des Ukrainekriegs verzichten zu können glaubte: viel Öl, Gas und Geld.
Gleich zwei Irrglauben musste man in Berlin dafür abschwören: erstens der Illusion, allein und sofort mit grünen Energien den Sprung ins postindustrielle Zeitalter schaffen zu können. Und zweitens der Anmaßung, dass Europas way of life auch für die Ölmonarchien der Maßstab zu sein habe. Nur vier Jahre sind vergangen, seit die damalige Ampel-Bundesinnenministerin Nancy Faeser mit der „One love“-Armbinde zur Fußball-WM nach Katar reiste und in der arabischen Welt dafür nicht Anerkennung, sondern nur Hohn und Spott erntete.
Friedrich Merz wird, davon darf man ausgehen, Menschenrechtsfragen in Saudi-Arabien diskreter adressieren, als es die grüne Außenministerin Annalena Baerbock 2023 mit überaus bescheidenem Erfolg tat. Aber ihr kam es ja auch mehr auf die Wirkung in der Heimat an. Europa wird in der neuen Welt der Autokraten etwas bescheidener auftreten müssen als in der Vergangenheit. Es muss seinen Hochmut ablegen und um neue Partner werben. Doch wird sein rechtsstaatliches Modell nichts von seiner globalen Anziehungskraft verlieren, wenn Europa es schafft, seine einzigartige Kombination aus Wohlstand, sozialem Ausgleich und individueller Freiheit in der kalten Welt der Putins, Xis und Trumps zu verteidigen. Dazu muss der Kanzler die deutsche Wirtschaft wieder in Gang bringen. Das macht mehr Eindruck in der Welt als Moralpredigten made in Germany. GEORG.ANASTASIADIS@OVB.NET