Aufstand gegen die Mullahs: Bei den Protesten im Iran sind Schätzungen zufolge bis zu 30 000 Menschen getötet worden. Dieses Foto entstand am 9. Januar in Teheran. © dpa
München – Das Video ist unerträglich lang. Fast zwölf Minuten sucht ein iranischer Vater zwischen blutverschmierten Leichen seinen Sohn. „Mein Sepehr, wo bist du?“, fragt er mit bebender Stimme, während er Reihen schwarzer Leichensäcke absucht. Erst dutzende, dann hunderte. Um ihn herum schreien Eltern um ihre toten Söhne. „Ali Chamenei, du Bastard. Du hast so viele junge Menschen umgebracht“, sagt der Mann. „Das ist ein Schlachthaus.“ Ob er seinen Sohn findet, bleibt offen.
Die Szene, tausendfach im Netz geteilt, hat sich in einer Leichenhalle im Süden Teherans zugetragen. Sie gibt nur einen winzigen Einblick in das, was sich während der Proteste am 8. und 9. Januar abgespielt hat. Wochenlang war die Bevölkerung von der Außenwelt abgeschnitten, bis heute ist der Internetzugang eingeschränkt. Doch inzwischen kommt das Ausmaß der Gewalt Stück für Stück ans Tageslicht.
Während das Regime 3117 Tote einräumt, hat die Menschenrechtsorganisation HRANA mehr als 6443 Todesfälle bestätigt – 11 280 werden noch geprüft. Das „Time Magazine“ berichtet unter Berufung auf Mitarbeiter des iranischen Gesundheitsministeriums sogar von mehr als 30 000 Toten. Sollte das stimmen, wäre es das größte Massaker an Demonstranten der modernen Geschichte.
Begonnen hatte alles am 28. Dezember am Basar in Teheran. Händler legten die Arbeit nieder, aus Protest gegen den Verfall des Rial, die Inflation und die Knappheit von Wasser und Strom. Dann griffen die Proteste auf das ganze Land über. Teilnehmer berichteten von Euphorie: Studenten, Rentner, Familien zogen gemeinsam durch die Straßen, in der Hoffnung, das Regime stehe vor dem Zusammenbruch. „Die Stadt war in den Händen des Volkes“, sagte ein Mann aus dem Küstenort Rascht dem „Spiegel“. Kurz darauf brannte das Stadtzentrum. Sicherheitskräfte hätten fliehende Menschen eingekesselt und bei lebendigem Leib verbrennen lassen. Wer mit erhobenen Händen floh, sei erschossen worden, erzählte eine Mutter. Ein Arzt aus Teheran sagte dem „Guardian“, er habe „nur Blut, Blut und Blut“ gesehen. Leichen seien in Kühlwagen für Fleisch oder Speiseeis abtransportiert worden, weil die Kapazitäten erschöpft waren.
Angehörige berichteten, dass sie ihre Toten nur gegen Gebühren zurückbekommen – als Entschädigung für verschossene Kugeln. Das gesamte Land steht unter Schock. Diba Mirzaei vom Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien (Giga) erwartet dennoch neue Proteste: „Energie und Wasser bleiben knapp, der Wirtschaft geht es schlecht, und der Staatsapparat bleibt korrupt”, sagt sie. „Diese Probleme werden immer wieder Menschen auf die Straße treiben.” Ein Umsturz aber sei nicht in Sicht. „Wir sehen derzeit absolut keine Risse im Machtapparat“.
Derweil richten sich alle Blicke auf die heutigen Gespräche zwischen den USA und dem Iran im Oman. Doch laut Iran-Expertin Barbara Mittelhammer verfolgt Washington drei Ziele: keine Urananreicherung, keine ballistischen Raketen, keine Unterstützung von Terror-Milizen. „Es geht also weder um die Proteste noch um das Massaker.“ Präsident Donald Trump hat dem Iran mehrfach mit Militärschlägen gedroht – erst kürzlich warnte er den Obersten Führer Chamenei, er solle „sehr besorgt” sein.
Die Bundeswehr bereitet sich auf eine Eskalation vor: Große Teile der Truppe wurden bereits aus dem Nordirak abgezogen. In der Vergangenheit hatte der Iran dort öfter US-Stellungen angegriffen. Auch die Bundeswehr sei gefährdet, so ein aktueller Lagebericht.